SPI-RITUAL : "Musik zum Einschlafen & zum Saufen am See;-)"

 
subKULTur.com 09/ 2006
 
 

Stefan Hetrich dürfte hartgesottenen Gothic-Metal-Fans noch als Sänger von Darkseed bekannt sein. Nicht erst seit kurzem wandelt der süddeutsche Sänger jedoch auch auf gänzlich anderen Pfaden. Was einst mit dem Projekt Betray My Secrets Ende der 90er Jahre begann fand jüngst in Shiva In Exile und nun auch mit SpiRitual seine Fortsetzung. Das erste Lebenszeichen des neuen Projekts nennt sich schlicht und einfach "Pulse" und dürfte Ethno- und Metal-Freunde gleichermaßen erfreuen. Stefan gewährte uns einen kleinen Einblick in sein Schaffen...

Ganz allgemein gefragt, wo liegen die Unterschiede zwischen deinen Projekten Spi-Ritual, Shiva In Exile und Betray My Secrets, die ja stilistisch alle ähnliche Elemente verwenden?

c: Alle drei Projekte zeichnen sich durch ihren Mix aus westlichen Elementen mit ethnischen Elementen aus, wobei Shiva In Exile ein Mix aus Gothic und Ethno ist, und SpiRitual ein Mix aus Metal und Ethno. Betray My Secrets war der Vorgänger von SpiRitual, das Debutalbum (und einzige Album) habe ich bereits 1999 in Zusammenarbeit mit Christian Bystron von Megaherz gemacht. Es war für mich der Startschuss für einen neuen musikalischen Abschnitt, der nach 1999 erst wieder durch Shiva In Exile (Album "Ethnic" 2004) und durch SpiRitual (Album "Pulse" 2006) fortgesetzt wurde, aber von jetzt an mein Schwerpunkt sein wird, da ich durch meinen Ausstieg bei der Gothic Metal Band Darkseed wieder etwas mehr Luft habe. Bei all diesem Chaos sind eigentlich nur zwei Sachen wichtig: Shiva In Exile: Ethno Gothic, SpiRitual: Ethno Metal. Der Rest ist für mich persönlich Vergangenheit.

Wo siehst du den größten Quantensprung zwischen "Ethnic" (Shiva In Exile) und "Pulse", die für Außenstehende wie Geschwister klingen mögen. Ga es bewusst geplante Veränderungen?

Stefan Hertrich: Der eigentliche Quantensprung war 1999 Betray My Secrets, ein Ethno Metal Album, das zu einer Zeit rauskam, in der es eigentlich gar nichts Experimentelles gab. Das Album ist leider untergegangen, da das Label Pleite gegangen ist. SpiRitual ist lediglich der Nachfolger. Shiva In Exile könnte man als kleinen Quantensprung bezeichnen, denn einen Mix aus Ethno und Gothic/Electro hat es in dieser Form bisher nicht gegeben. "Kleiner" Quantensprung deshalb, weil ja Dead Can Dance mit einigen Ethno-angehauchten Alben Vorarbeit geleistet haben. Die meisten Ethno-Scheiben kann man sich als Gothic-Fan eigentlich nicht anhören, da die Atmosphäre viel zu gelöst ist. Shiva In Exile ist trotz der warmen Ethno-Elemente eine sehr schwermütig klingende Band. Das nächste Album wird noch mal ne Ecke düsterer.

Wie entsteht ein typischer Spi-Ritual Song? Eher mit Rock-Elementen am Anfang oder den Ethno-Sachen, die dann noch mit Rock-Gitarren angereichert werden?

Stefan Hertrich: Ich hangle mich Stück für Stück durch jeden Song. Zuerst kommen Ethno-Elemente, z.B. eine coole Flötenmelodie, drunter dann düstere Keyboards, und erst danach versuche ich, mit verzerrten Gitarren die perfekte Ergänzung zu finden. Beides muss sich wirklich ineinander fügen und weder die Gitarren noch die Ethno-Elemente dürfen aufgesetzt wirken. Danach geht es mit dem nächsten Teil des Songs weiter. Für einen Song brauche ich in meinem Homestudio etwa 4 Tage bis 1 Woche Fulltime, danach gehe ich in ein richtiges Studio (Helion Studios in München) und nehme dort die Gitarren und den Gesang noch mal in guter Qualität auf. Und ein richtiges Schlagzeug darf natürlich auch nicht fehlen, denn zuvor programmiere ich nur Platzhalterdrums.

Der Name Spi-Ritual enthält sowohl das Wort "spirituell" als auch "Ritual". Gibt es denn bestimmte Rituale zu denen man die Musik hören sollte?

Stefan Hertrich: Hier muss ich gestehen, dass der Name eigentlich totaler Unsinn ist, denn Spiritualität unterscheidet sich von Religion u.a. dadurch, dass man eben keine Zeremonien, Traditionen oder geistige Anführer braucht und Rituale gehören ja eher zu diesen Punkten dazu. Aber irgendwie klingt der Name einfach gut und Rituale passen gut zur Vorstellung "Ethno". Ich hoffe daher, mir sei die Namensgebung verziehen, haha. Ich denke, SpiRitual kann man immer und überall anhören, egal ob vorm Einschlafen oder beim Saufen am See (wehe dieser Satz wird der Aufhänger in Großbuchstaben, haha).

Nein, garantiert nicht;-) Inwieweit sind deine Projekte religiöser/spiritueller Natur? Versuchst du deine Sichtweisen mit in die Textweisen einzubringen?

Stefan Hertrich: Die Texte könnte man als "positiven Gothic" bezeichnen, sie sind keinesfalls religiös. Gothic bedeutet ja grundsätzlich, sich mit den Schattenseiten des Lebens etc. zu beschäftigen. Das tut SpiRitual auch, jedoch mit Lösungsansatz. Negative Dinge erkennen, aber nach einer Lösung suchen. Den Mut haben, Probleme aus dem Weg zu schaffen, Ängste loszuwerden, Hindernisse im Leben als Herausforderung anzusehen und die dabei gewonnene Erfahrung, egal ob positiv oder negativ, als Gewinn und Reifeprozess zu bewerten. Wer so handelt, ist prinzipiell schon spirituell, da Spiritualität nichts anderes bedeutet als sein Leben bewusst zu leben.

Und... bist Du ein spiritueller Mensch?

Stefan Hertrich: Ich denke schon. Ich versuche, von Tag zu Tag bewusster durch das Leben zu gehen. Probleme zu lösen, anstatt in ihnen zu versinken, auch wenn es manchmal schwer ist. Spirituell zu sein heißt, das eigene Leben zu 100% in die Hand zu nehmen, sich nicht von anderen leiten zu lassen (z.B. von Medien, Politik, Gesellschaft) sondern voll und ganz der eigenen Intuition vertrauen und wirklich das tun, was man tun will und womit man sich wohl fühlt. Wir verbringen viel zu viel Zeit damit, etwas zu tun, womit wir uns nicht wohl fühlen, und anschließend verschwenden wir wiederum viel Zeit, um uns davon abzulenken oder zu erholen. Viel Luft für das Definieren von Zielen und Visionen oder gar die Umsetzung derer bleibt da kaum. Eine weitere Sache möchte ich in diesem Zuge erwähnen. Viele Menschen denken, dass das Leben nach der Schulzeit und dem Einschlagen eines bestimmten Werderganges gelaufen ist. Spiritualität heißt auch, stets für Veränderungen offen zu sein und sich weiterzuentwickeln. Ich finde, das Leben fängt sogar erst mit zunehmendem Alter an, wenn man mehr finanziellen Spielraum hat bzw. viel Lebenserfahrung gesammelt hat, um Dinge wirklich richtig abwägen zu können und danach Möglichkeiten zu nutzen weiß. Wie viele Menschen trauern der Schulzeit nach und denken "ach damals…". Das bekommen junge Leute natürlich mit, die dann denken "oh Gott, ich bin jetzt nicht glücklich, und alle sagen, die Jugend ist die schönste Zeit, ich werde wohl nie glücklich werden!". Ich kenne keine "spirituelle" Person, die so denkt. In meinem Freundeskreis fangen selbst 40-Jährige nochmal komplett von vorne an, gründen eine neue Firma, machen etwas ganz anderes als sie vor 5 Jahren gemacht haben und fühlen sich viel besser dabei! Das sage ich allen jungen Fans, die wirklich Panik davor haben, nie den "Faden zum Leben" zu finden. Es ist alles eine Frage der Einstellung! Wer offen ist für Veränderungen, wird genügend Möglichkeiten bekommen! Das gilt für JEDEN und zu jeder Zeit, egal in welch aussichtsloser Lage eine Person stecken mag und egal wie alt sie ist.

Wie kommt man als gemeiner westlicher Mensch eigentlich dazu, sich mit fernen Kulturen und schließlich auch deren Musik auseinander zu setzen und sie selbst zu machen?

Stefan Hertrich: Es gibt in unserer Welt nicht mehr viel musikalisch zu entdecken. Natürlich erscheinen immer wieder interessante CDs, aber prinzipiell sind es nur besser ausgearbeitete und technisch besser produziere Alben als noch vor 5-10 Jahren. Ganz simpel formuliert: mich kickt sowohl musikalisch als auch gesellschaftlich nur noch sehr wenig in Europa. Was nicht negativ zu bewerten ist. Ich bin jetzt 30, mache halbwegs professionell Musik seit ich 16 bin, und irgendwann kommt wieder das Bedürfnis, wie ein Kind etwas Neues zu entdecken, um nicht stehen zu bleiben.

Käme es für dich in Frage auszuwandern?

Stefan Hertrich: Interessante Frage. Ich denke vor allem hier in Deutschland müssen wir lernen, uns unserer Privilegien bewusst zu werden und diese zu nutzen. Uneingeschränkten Informationszugang per Internet, kostenlose Bildung usw. Natürlich haben wir hier auch eine Menge Probleme, aber mein Interesse an anderen Kulturen zeigt mir immer wieder, wie froh wir alle sein sollten. Ich habe die letzten 5 Wochen sehr oft in den Libanon telefoniert, und wenn man am Telefon hört, wie die Bomben auf Beirut fallen, dann lernt man etwas für den Rest des Lebens. Auszuwandern kann eine Bereicherung sein, aber bevor man diesen Schritt wagt, sollte man zuerst in seinem gewohnten Umfeld zufrieden werden. Denn wenn dies nicht gelingt, wird es wahrscheinlich in einem anderen Umfeld nach der anfänglichen Begeisterung eher schlimmer. Auch hier haben wir wieder Spiritualität: Zufriedenheit kommt nur von innen und von einem selbst. Man wird nur selten von anderen Menschen oder Umgebungen repariert.

Inwieweit ist unsere Gesellschaft überhaupt offen für solche Musik? Hast du bislang überwiegend gute Erfahrungen gemacht?

Stefan Hertrich: Ich hätte nie gedacht, dass SpiRitual so positiv von der Presse aufgenommen werden würde, die Reviews sind fast schon euphorisch. Einige Songs waren schon 2005 fertig, aber keine Plattenfirma wollte die CD veröffentlichen. Selbst die Plattenfirmen, die ich seit Jahren gut kenne, haben keine Reaktion auf das Songmaterial gezeigt (menschlich gesehen sehr schwach, man hätte zumindest Bescheid sagen können, aber so ist das heutzutage leider). Daher war ich sehr froh, als die amerikanische Firma Sensory Interesse bekundet hat und aus purem Idealismus das Wagnis eingegangen ist. Die Jungs suchen noch selbst nach Bands, was man auch nicht mehr oft sieht.

Wird es Spi-Ritual jemals live zu sehen geben? Ist es für dich überhaupt erstrebenswert, damit einmal aufzutreten?

Stefan Hertrich: Interessant wäre es auf jeden Fall und es gibt auch Interesse von Booking-Agenturen, leider wäre das eine sehr kostspielige Angelegenheit und auch technisch sehr schwierig umzusetzen. Die Gitarren sind 8-9 Halbtöne tiefer gestimmt, das gibt es sonst nur bei Meshuggah, und die haben ihre bandeigenen Gitarrenproduktionen, worum ich sie sehr beneide, haha. Bei SpiRitual wäre es wohl ein unglaublicher Matsch auf der Bühne. Sollte das Album wirklich gut laufen und Budget für eine verrückte Live-Show wie aus dem Nichts auftauchen, könnte man darüber mal nachdenken.

Welche Ziele verfolgst du langfristig mit dem Projekt?

Stefan Hertrich: Ehrlich gesagt habe ich mir bisher keine Gedanken darüber gemacht. Ich wusste im Sommer 2005 einfach, dass ich unbedingt diese CD machen will, egal was sie kostet und ob sie Interesse weckt oder nicht. Ich werde versuchen, bis Anfang 2007 das zweite Shiva In Exile Album zu machen, und danach wird sich vielleicht wieder Zeit für eine weitere SpiRitual-CD ergeben. Die Vision sieht so aus: Musik machen, dadurch immer interessantere Leute kennen lernen, neue bisher ungeahnte Möglichkeiten bekommen usw. Wo es enden wird, weiß ich nicht, ich lass mich die nächsten 10 Jahre einfach mal überraschen.

Sascha Blach

 

 

 


das "Pulse" Cover

 

 

"Spirituell zu sein heißt, das eigene Leben zu 100% in die Hand zu nehmen, sich nicht von anderen leiten zu lassen (...) sondern voll und ganz der eigenen Intuition vertrauen und wirklich das tun, was man tun will und womit man sich wohl fühlt"
(Stefan Hertrich)

 

 

Die beteiligten Musiker:

Stefan Hertrich - Vocals, Bass, Guitar,
Keyboards, Sampling
Dr. phil. Christian Rätsch - Textwork, Sampling, Consultation
Maurizio Guolo - Drums
Jana Veva - Vocals
Gaby Koss - Vocals
Kajuyali Tsamani - Flutes, Percussion
Christian Bystron -Guitar
René Berthiaume - Solo Guitar
Markus Glanz - Solo Guitar

 


 

 

 

"...mein Interesse an anderen Kulturen zeigt mir immer wieder, wie froh wir alle sein sollten."
(Stefan Hertrich)

 
 
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