ARCTURUS "The Sham Mirrors"
 
(CD/Prophecy/Sony/2002)
Progressive-Space-Metal
     

Eine echte Überraschung stellt für mich das neue, insgesamt dritte Album der norwegischen Allstar-Formation Arcturus dar. Zwar war der Vorgänger "La Masquerade Infernale" aus dem Jahr 1997 schon ein absolutes Ausnahmealbum moderner, avantgardistischer Musik, aber nachdem Ulver, die Hauptband von Sänger Trickster G. (auch als Garm bekannt), sich in jüngster Zeit mehr und mehr auf das Erschaffen von bizarren Soundlandschaften ohne Songstrukturen spezialisiert haben, war zu befürchten, daß auch Arcturus unweigerlich experimenteller werden würden. Aber nichts da, denn "The Sham MIrrors" ist ohne jeden Zweifel ein Metal-Album und zudem weitaus weniger gewagt, als der im Stile einer Oper aufgemachte Vorgänger.

Gleich das erste Stück "Kinetic" lässt mit powermetallischen (!) Gesängen vom Trickster, hämmernden Double-Bass-Attacken und spacigen Keyboards keinen Zweifel: Arcturus wollen es noch einmal richtig wissen! Der Gesang ist besser denn je zuvor (Garm versucht sich sogar im Gebrauch seiner Kopfstimme!) und auch die Arrangements sind deutlich gereift. Zwar geht "The Sham MIrrors" nicht sofort beim ersten Durchlauf ins Ohr, sondern hinterläßt, dank fehlender eingängiger Refrains, zunächst nur einen kleinen Hauch von Faszination. Aber je öfter man sich dieses Kleinod zu Gemüte führt, desto mehr Details gibt es zu entdecken. Und nach einer Weile stellt man schließlich fest, daß man - scheinbar völlig unbemerkt - süchtig geworden ist. Besonders beeindruckend ist dabei der zweite Song "Nightmare Heaven", samt elektronischer Beats und pumpenden Synthie-Bässen sowie "Radical Cut", das - wie es der Name schon prophezeit - etwas "anders" geartet ist. Die Nummer führt den Hörer doch tatsächlich zurück in die Vergangenheit der Band und erhält aufgrund der aggressiven Schreigesänge von Emperors Ihsahn sogar eine Schlagseite in Richtung Black Metal. Alles in allem bekommt man hier unweigerlich das Gefühl, daß die Musiker wieder Spaß an den "ursprünglichen" Klängen gefunden haben, denn wie ist es sonst zu erklären, daß sogar traditionell-metallische Gitarren- und Keyboardsoli den Weg in des Rezensenten Ohr finden. Aber keine Sorge, denn diese Ausrichtung steht Arcturus überaus gut zu Gesicht, da es die fünf Musiker trotz aller Reduktion auf die wesentlichen Elemente geschafft haben, ihren unverwechselbaren, eigenen Stil beizubehalten, der ja seit jeher vom Avantgardismus geprägt ist. Somit ist "The Sham Mirrors" ein Album, welches das Prädikat "absolut hörenswert!" ohne jeden Zweifel verdient und seit einiger Zeit aus meinem gestressten CD-Player nicht mehr weg zu denken ist.

Allerdings gibt es im Zusammenhang mit der Scheibe auch noch zwei unerfreuliche Dinge anzumerken. Zum einen ist die Produktion wieder recht schwach geworden, was sich vor allem im klinischen, unnatürlichen Klang des Pianos und dem relativ durchschnittlichen Gesamtsound äußert. In Anbetracht der Tatsache, daß Arcturus sogar über ein eigenes Studio verfügen und es massenweise Soundbänke mit guten Pianosounds gibt, ist mir das absolut unerklärlich. Zum anderen war es mir trotz mehrmaliger Anfrage nicht möglich, ein Interview mit Trickster G. zu führen, da dieser Interviews nur noch im Zusammenhang mit einer bildtechnischen Erwähnung von Arcturus auf dem Frontblatt der jeweiligen Zeitung gibt. Anscheinend war diese Bedingung bei subKULTur nicht erfüllt (sollen wir etwa noch eine Extra-Startseite für Arcturus einrichten, oder was?) oder wir sind als Online-Mag einfach nicht bedeutend genug. Schade ist diese elitäre (oh neiiiin, da isses wieder ... ToM) Verhaltensweise vor allem, weil ich Garm bei Ulver als überaus intelligenten Gesprächspartner kennenlernte und ihn für seine eigenwilligen, künstlerischen Visionen stets bewunderte.

Dieses mir unerklärliche Verhalten wirft zwar einen dunklen Schatten auf "The Sham Mirrors" und wird sicherlich zu zahlreichen Anfeindungen gegenüber der Band führen. Aber wenigstens die Musik spricht hier eine klare Sprache, nämlich die Sprache der Leidenschaft und Faszination! Sascha Blach

 


Tracklist:

1. Kinetic
2. Nightmare Heaven
3. Ad Absurdum
4. Collapse Generation
5. Star-Crossed
6. Radical Cut
7. For To End Yet Again

 

Besetzung:

Trickster G. - Gesang
Steinar Sverd Johnsen - Keyboard
Hellhammer - Schlagzeug
Knut M. Valle - Gitarre
Dag F. Gravem - Bass

Homepage von Arcturus, Homepage von Prophecy

 
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