DAS ICH "Anti` Christ"
ToM Tip de Monats
 
(CD/Massacre/SPV)
VÖ: Mai 2002)
Dark Wave
     

DAS ICH, die Ikone erfindet sich neu, optisch schrill, provokativ und plakativ, passend zu einem Albumtitel, der einerseits sofort den Vorwurf "Klischee" provoziert, andererseits aber auch, wenn man ehrlich ist, genau jene thematische Lücke ausfüllt, die mittlerweile zwischen belanglosem Weltschmerz und facettenreichem Selbstmitleid in der schwarzverkleideten Landschaft klafft. Bruno Kramm und Stefan Ackermann geben sich richtig böse. Doch im Gegensatz zu manch anderem Theater mit Optik und Schlagworten ist "Anti`Christ" hier ein tiefergehendes Konzept, ein Aufschrei gegen die Belanglosigkeit, welcher die Befindlichkeiten der zwei Künstler in einem variabel deutbaren Kontext erscheinen läßt .... und nicht zuletzt ist "Anti´christ" das bislang beste DAS ICH- Album.

Einerseits scheinen Bruno Kramm und Stefan Ackermann hier an ihren Erstling DIE PROPHETEN anknüpfen zu wollen. Dieser Eindruck kommt aber beim genauen Hinhören in erster Linie durch die thematische Auslegung, denn seit "Gottes Tod" und "Die Propheten" waren die Botschaften nie mehr so apokalyptisch und düster. Allerdings spielt das Duo gerade mit den großen biblischen Themen hier souveräner, als viele ihrer noch böseren und vor allem lauteren Kollegen. Das Hadern mit der unseren Köpfen implantierten Gottfigur durchzieht die Texte wie ein roter Faden und Stefan Ackermann zeigt in seinem "konstruktiven Nihilismus" sowohl thematische Ursprünge, als auch Perspektiven jener Bewegung auf, über die seit ihrer kommerziellen Relevanz überall ziemlich ratlos und lauwarm diskutiert wird. Hinter geschickt platzierten klischeebedienenden Sprüchen und großen Bildern verbergen sich Einsichten, Verletzlichkeiten und Weisheiten, die es zu entdecken gilt. So sind z. B. "Grund der Seele" oder "Vater" mit Sicherheit eine Auseinandersetzung wert. Allerdings macht uns das auch dieses Mal die Abmischung der einzelnen Songs wieder etwas schwer, da für Textfetishisten wie mich der Gesang etwas zu leise ist.

Musikalisch ist "Anti` Christ" geprägt von 10 Jahren Studioerfahrung, ist soundtechnisch vollkommen auf der Höhe der Zeit und kompositorisch auf hohem Niveau. Bruno Kramm ist seiner unverwechselbaren Handschrift zwischen traditionellem Dark Wave, punktierten Rhythmen, Neoklassik und Industrial treu geblieben. Er konnte aber erstmals seiner Liebe zu klassischen Komponisten, allen voran Richard Wagner, Ausdruck verleihen ohne die effektive, geradlinige Wirkungsweise eines Popsongs aus den Augen zu verlieren. Die Lieder sind an den richtigen Stellen verspielt und brachial zugleich. Was dem Album sehr gut tut, ist die stilistsiche Vielfalt der einzelnen Stücke. Vom hymnenhaften Kracher ("Tor zur Hölle") bis hin zur klassischen Literaturvertonung ("Der achte Tag") ist auf "Anti`Christ" alles vertreten, was das Herz eines gefallenen Engels begehrt. So auch "Garten Eden", ein Beispiel dafür, wie schön sich selbst 2002 intensive Stimmungen auch ohne technoide Beats auf den Tanzflur übertragen lassen.

"Anti`Christ" besticht zudem mit "Überlänge", wobei DAS ICH keinen Pausenfüller benötigen, um die technischen Möglichkeiten der sterbenden Plastikscheibe voll auszuschöpfen, sondern mit "Reanimat" einen bis dato unveröffentlichten Videotrack. So kann man treffend apokalyptisch resümieren, daß "Anti´christ" im Anbetracht der technischen Entwicklung, die letzte CD sein könnte, die man als schwarzes Schaf wirklich haben muß und angesichts der weltpolitischen Lage auch die letzte, die man als Menschlein in der Lage ist, käuflich zu erwerben. Tue es also, bevor es zu spät ist ...
Thomas Manegold

 

CD Cover

Tracklist:

Engel
Keimzeit
Grund Der Seele
Vater
Krieg im Paradies
Tor zur Hölle
Garten Eden
Das dunkle Land
Sodom und Gomorra
Der achte Tag

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