Diary Of Dreams "Nigredo"
ToM - Tip des Monats

 

Erscheinungsdatum: 27.10 2004
Label: Accession Rec.
Format: Audio CD

 

Nigredo- das ist die rituelle Schwärzung bei der Herstellung des "Steins der Weisen". Die Materia Prima wird verflüssigt, begraben, fault in der Erde und wird schwarz. Symboltragend für dieses Stadium ist der Rabe. Natürlich sitzt Adrian Hates nicht verzweifelt in seiner Küche und versucht aus Blei Gold zu machen. Der namensgebende alchimistische Prozeß ist zugleich ein Symbol und der Weg zur Selbsterkenntnis, die Aufgabe, ja der Tod allen Egos, als Voraussetzung für Erlösung und innere Erleuchtung.

Derartige Reisen und Weisen verwob Adrian Hates mit eigenen Gedanken und hat zwei Jahre nach dem exzellenten "Freak Perfume" sein Traumtagebuch wieder für unsere Augen und Ohren geöffnet. Und dieses Mal sind wir angehalten, u.a. den Wortspielereien zwischen "Gift und Geben" zu folgen und einmal mehr einzutauchen in eine, zum Ritual stilisierte, diesmal mehr denn je einem Konzept wachsende Musiklandschaft. Und dieses Konzept folgt unfreiwillig dem Ansinnen jener, die sich mit derartigen Klängen ansprechen lassen.

Das sind die dunklen Seelen, die der Melancholie zugeneigten, aber auch die Empfindsamen und- die vermeintlich Einsamen. Und das wiederum sind bekanntlich die meisten, sofern sie sich nicht ablenken an der bunten, wabernden und labernden Oberfläche des Daseins. Nicht umsonst war sich die schreibende Zunft ausnahmsweise Mal einig und kürte in sämtlichen, für diese Musik relevanten Magazine, das Album "Nigredo" zur Platte des Monats, bietet es doch inhaltlich und auch musikalisch eine unnachahmliche Ästhetik und damit auch eine filigrane und erschöpfende Erklärung für die ach so unverständlich bizarre Kultur an, die solchen Klängen fröhnt.

So ist dann auch schon der Opener eine Offenbarung, "Dead Letter" entführt in die samtschwarzen unergründlich schönen und zugleich schmerzhaften Tiefen der Melancholie und Einsamkeit. Der "Giftraum" wird geöffnet, ein kurzer Tanz auf dem Parkett der Zweisamkeit mit einem Menschen oder in der Zwiesprache mit einer Substanz ... dann mit tiefem Nachhall die Tür wieder ins Schloß fallend, wird das Gift zum Geschenk... weil ja bekanntlich die Dosis entscheidet...

Dem Hassen und Schreien folgt Depression und Schmerz, es gibt irgendwann nur noch Flucht oder Fügung. Bei Letzterem wird Isolation zur Einkehr, das Reden mit sich selbst zum Dialog mit den Kräften. Die Wunden schließen, wenn man keine mehr dem anderen zu schlagen in der Lage sich wähnt. Flieht man, geht der Tanz von vorn los, bis man zu dem wird, was man gehaßt und angeschrien hatte...

Wochen brütete Adrian Hates mit seinen Mitstreitern über inhaltlichem und graphischem Konzept dieser Scheibe und es gelang ihm doch tatsächlich, die sowieso schon intensive und düstere Atmosphäre der Vorgängeralben noch zu verdichten, was natürlich auch an so profan anmutenden handwerklichen Dingen liegt, wie Sounds und Produktion. Organische Klänge fanden vermehrt Einzug in die Welt von Diary Of Dreams, klassische Streicher erklingen, statt synthetisch anmutende SynthiTeppiche. Die gängige Bassdrum muß immer öfter alternativen klassischen Schlagwerken weichen, ohne daß allerdings die Tanzbarkeit, Intensität und der nötige Bombast bei Stücken wie "Kindrom" und "Reign Of Chaos" leidet. Im Gegenteil.

Den Gegenpol besorgen gefühlvolle, ruhige Stücke, wie "Portrait Of A Cynic", die, sich die nötige Zeit nehmend, trotz spartanischer Instrumentierung, eine immense Stimmung herbeizaubern. Der Mut, sich Zeit zu lassen, das hörbare Vertrauen in die immer mehr in Vergessenheit geratene Legende, daß die Magie der Musik in den Pausen liegt, in der Stille zwischen den Tönen, wird hier belohnt. In besagtem Stück kehrt auch Torben Wendt von Diorama für einige Klavierparts zu Diary Of Dreams zurück.

Klar ist auch "Nigredo" ein typisches Diary Of Dreams Album, daß viele Parallelen zu den vergangenen Veröffentlichungen aufweist, jedoch ist es ein Segen, wenn ein Projekt unnachahmlich nach sich selbst klingt, anstatt der Aufguß von irgend einem Trend zu sein. Und bei aller Schwarzseherei und tongewordener Traurigkeit auf "Nigredo" ist ein Ende des Traumtagebuchs nicht in Sicht, denn das Schwarze wird wieder Weiß, dem Nigredo folgt das Albedo, das Licht am Ende des Tunnels, die Erlösung und es verwandelt sich der schwarze Rabe eine weiße Taube... Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Zumindest wird die Diary Of Dreams Version des "Nigredo" weitergesponnen in sieben neuen Liedern, die schon zur Tour im Frühjahr erscheinen sollen.

 

Thomas Manegold

 

1.Dead Letter
2.Giftraum
3.Kindrom
4.Reign Of Chaos
5.Charma Sleeper
6.Tales Of The Silent City
7.Portrait Of A Cynic
8.UnMensch
9.The Witching Hour
10.Psycho-Logic
11.Krank:Haft
12.Cannibals
13.Mask Of Shame

 
         
 

Links: "GIFT UND GEBEN" - NIGREDO - Diary Of Dreams

 
 
  (c) subKULTur 2004 - nach hause - inhalt - archiv - cd kritiken - DIARY OF DREAMS