DORNENREICH "Hexenwind"
ToM-Tip des Monats

 
Erscheinungsdatum: 18.11. 2005
Label: Prophecy/Soulfood
Format: Audio CD
 

Der Name Dornenreich dürfte in vielen Köpfen noch mit jener schwarzmetallischen Klangfärbung verankert sein, welche die frühen Jahre von Evigas und Valnes' Schaffen prägte. Schließlich zelebrierte die Formation auf ihrem Einstand "Nicht Um Zu Sterben" (1997) sowie dem Nachfolger "Bitter Ist's Dem Tod Zu Dienen" (1999) romantisch gefärbten, deswegen jedoch nicht minder kalten und primitiven Black Metal nordischer Prägung. Daß Dornenreich darauf jedoch schon in der Vergangenheit nicht reduziert werden konnten, machte das Drittwerk "Her Von Welken Nächten" (2000) deutlich. Darauf hielten vermehrt ruhige Klänge Einzug in das Dornenreich'sche Klanguniversum und abseits davon bestach die Band mit einer unbändigen Leidenschaft und Intensität, die in Form von stürmischer Begeisterung auch nachhaltig durch die Szene hallte. Man konnte also gespannt sein, wie sich die Fortführung dieser Reise durch die Extreme anhören würde... fünf Jahre lang.

Vorweg zu nehmen ist gleich zu Beginn, daß "Hexenwind", das nunmehr vierte Album, einen Bruch in der Dornenreich-Diskographie darstellt. Der Hörer sollte es folgerichtig nicht an der Vergangenheit messen, sondern sich offen und erwartungslos den neuen Klängen stellen, die von Eviga als "deepblue worldrock" klassifiziert werden. Andernfalls könnte "Hexenwind" leichtfertig in einer Enttäuschung enden, fehlen doch all die typischen Band-Trademarks, wie temperamentvolle Keifgesänge, klirrende Gitarrenriffs, flott galoppierende Drums und jene impulsive Achterbahnfahrt durch mitreißende Leidenschaften und stoische Ruhemomente, die bis dato den Hörgenuß der Dornenreich-Werke ausmachte, fast gänzlich.

Stattdessen ist das Schlagzeugspiel nun auf simple, minimalistische Beats beschränkt ("skelettiert" nennt es Eviga zurecht...), die vokale Komponente lebt weitestgehend von Flüstern und Sprechen sowie dem sonoren Klargesang von Valnes, und das Gitarrenspiel besteht zur einen Hälfte aus Akustikgitarren und zur anderen Hälfte aus absichtlich dünn und hintergründig gemischten E-Gitarren, die - ebenso wie das Schlagzeugspiel - bewusst einfach gehalten sind. Es ließe sich also von einem sehr puren, von sämtlichem "Ballast" geläuterten Album sprechen. Aus technischer Sicht ist selbiges natürlich alles andere als spannend und mit einem beschränkten Erwartungshorizont rezipiert, könnte der Hörer dies gar vorschnell als endgültiges Urteil formulieren.

Außer Acht gelassen wäre bei dieser Betrachtung jedoch die emotionale und ästhetische Komponente von "Hexenwind", denn gerade innerhalb dieser vermeintlichen Simplizität läßt sich (mitunter) so viel mehr sagen, als mit anspruchsvollen technischen Kabinettstückchen, die letzten Endes doch nur wie am Reißbrett konstruiert wirken. "Hexenwind" hingegen klingt - trotz der langen Reifeprozesse, die hinter den einzelnen Songs stehen - irgendwie spontan und als dringe es direkt aus dem Bauch heraus. Eviga und Valnes folgen keinen konventionellen musiktheoretischen Regeln, sondern einzig ihrer eigenen Intuition. Und diese bringt bisweilen bizarre Klangkombinationen hervor, die auf den ersten Blick rein gar nicht zusammenpassen wollen, zum Beispiel die allerletzten Schwarzmetall-Fragmente, die hier und da noch aus der Ferne schallen, und jene neugewonnene Freude an folkloristischen Tönen südländischer Couleur. So gesehen mag "Hexenwind" wie ein unausgegorener Zwischenschritt erscheinen - ein Sich-Nicht-Entscheiden-Können zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nach einer Zeit der Eingewöhnung macht diese abenteuerliche Kombination jedoch Sinn (wenn man sie als Zwischenschritt annimmt...) und man begibt sich auf eine Reise, um den beiden Protagonisten zu folgen. Dabei entfaltet die Musik eine durchaus meditative Wirkung und führt uns in traumbeseelte Gefilde, in denen die reduzierten Texte wie Mantren tönen. Die Textzeile "Übe Dich in Phantasie / die alte Kunst gebrauche sie" scheint also durchaus programmatisch für das gesamte Album zu stehen, denn Dornenreich geben nur den Rahmen vor, innerhalb dessen sich des Hörers Phantasie austoben kann bzw. muss. Die Musik stellt nicht jedes kleine Detail dar, wie beispielsweise ein Film, sondern regt - ähnlich einem guten Buch - die Imagination an. Ergo macht es wohl am meisten Sinn, beim Hören von "Hexenwind" weniger den kleinen Details seine Aufmerksamkeit zu schenken, sondern sich von der gesamten Atmosphäre und Stimmung einhüllen zu lassen. Wenn "Her Von Welken Nächten" das adrenalindurchflutete Rennen durch den nächtlichen Wald war, welches nur von gelegentlichen Momenten bedrückender Ruhe durchzogen war, ist "Hexenwind" die morgendliche Rast - die spirituelle Einkehr ins Innere gewissermaßen. Zwar hallt die Finsternis der Nacht immer wieder nach, aber grundsätzlich ist die nebelige Morgenstimmung eben doch eine ganz andere. Und selbst ein paar Sonnenstrahlen am Horizont sind schon auszumachen. Doch was beide Alben verbindet, ist die Nähe zur Natur und das Kommen zu sich selbst. Gerade deswegen ist davon auszugehen, dass "Hexenwind" einige (wenige?) Individuen wieder tief berühren wird.

"Drum eile dich frei" heißt es in dem Stück "Zu Träumen Wecke Sich, Wer Kann". Und das tun Dornenreich ohne Kompromisse. Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass "Hexenwind" ein überaus mutiges, unkonventionelles Album ist, das gewiss für Kontroverse sorgen wird und den Fankreis Dornenreichs nicht unbedingt erweitern dürfte. Gerade weil es weder Fisch noch Fleisch ist und keine gängigen Kategorien mehr bedient. Vielmehr fristen Dornenreich ein selbst gewähltes Außenseiterdasein, das jedoch mit unerbittlichem künstlerischen Selbstausdruck einher geht. "Hexenwind" zeichnet vor allem eins aus, es besitzt eine Seele! Und das kann man dieser Scheibe einfach nicht absprechen, unabhängig davon, ob man die Musik nun persönlich mag oder nicht. Bleibt nur zu hoffen, dass Dornenreich auch weiterhin ihrer Intuition treu bleiben und uns mit weiteren grundehrlichen Veröffentlichungen beehren werden. Denn wie ein möglicher Nachfolger von "Hexenwind" aussehen könnte, ist schon jetzt ein spannender Gedanke. Unter der Annahme, dass dies nur ein Zwischenschritt ist, wären Valnes und Eviga aber sowieso gezwungen, das Buch "Dornenreich" zu Ende zu schreiben. Hoffen wir, dass sie das auch so sehen und sich nicht von der teilweise vielleicht vernichtenden Kritik an "Hexenwind" entmutigen lassen.

Sascha Blach

 

Tracklist:

1. Von Der Quelle
2. Der Hexe Flammend' Blick
3. DerHexe Nächtlich' Ritt
4. Aus Längst Verhalltem Lied
5. Zu Träumen Wecke Sich Wer Kann


 
         
 

Links: www.dornenreich.com

 
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