Die unendliche Geschichte
Denk Mal
"Bücher sind nicht immer sanfte Freunde, Trostspender, die wir mit zierlichen Gartengeräten die eigene Seele wie einen kleinen Vorgarten pflegen: die Sprache ist etwas zu Gewaltiges, zu Kostbares, als daß sie zu bloßem Zierrat dienen sollte, sie ist des Menschen wertvollster natürlicher Besitz:

Regen und Wind, Waffe und Geliebte, Sonne und Nacht, Rose und Dynamit; aber niemals nur eins von diesen: sie ist nie ungefährlich, weil sie von allem etwas enthält: Brot, Zärtlichkeit, Haß und Tod..."
(Heinrich Böll, 1917 - 1985)

Gleich vorweg: Das Buch (nebenstehend ein Link), zu dem Heinrich Böll selbst diese Worte niederschrieb, soll hier nicht im Blickpunkt stehen, vielmehr das Zitat selbst.
Es losgelöst zu betrachten, ist von großem Reiz, denn es erscheint mir ständig dringlicher zu werden, anstatt mit der Zeit, die ins Land geht, zu verblassen. Ich persönlich würde das "immer" auch noch streichen, denn immer wieder begegnet mir das geschriebene Wort, in seiner gleichermaßen umstoßenden wie erschaffenden Gestalt, als eine hunderttausende, ja millionenfache Kopie. Es ist nämlich ein Irrglaube, daß die Mehrzahl der sogenannten Bestseller trivialer Schund sind. Durchaus kann eine Schrift gewordene Peinlichkeit, sofern sie den Zeitgeist trifft, sich sehr gut und oft verkaufen, aber niemand wird sich in 30 Jahren noch an den gebrochenen Penis eines im Geld schwimmenden Popmusikproduzenten erinnern. Auch gibt es genügend vermeindlich wertvolle Werke, die sofort in der Vergessenheit versinken würden, wenn man sie aus dem Bildungsprogramm nähme. Schlußendlich ist der "Gehalt" eines Werkes ein subjektives Urteil und sollte sich einzig an dem orientieren, was es subjektiv vermittelt. Durchaus sind Attribute wie "bahnbrechend" und "wegweisend" ebenso zu verstehen. Hat ein Werk DIR Wege aufgezeigt, wirst Du am Ende an den Auflagengrößen und Verkaufszahlen bemerken, daß dieses Buch außer Dir noch sehr viele andere Menschen angezogen hat. Sie haben offensichtlich sogar Geld dafür bezahlt. Und... um wieder einen Bezug zum Urheber dieser denkwürdigen Zeilen herzustellen, im Bezug auf so große Denker und Schreiber, wie z. B. Heinrich Böll, scheinen diese Werke die wenigsten dieser mutmaßlichen Käufer gelesen, bzw. in Deinem Sinne verstanden zu haben.

Welterklärende, friedensbringende, inspirierende große Werke hätten mit ihren Millionenfachen Auflagen eigentlich aus unserer sich selbst umkreisenden Hölle längst wieder ein Paradies erstehen lassen müssen. Stattdessen erzählen uns gleichsam ambitionierte große Schreiber immer wieder die selbe Geschichte, mal fabulös, bildhaft, mal lyrisch, dann wieder wissenschaftlich, als Roman, als Ballade, als Theaterstück, als Märchen. Worum es in dieser Geschichte geht, muß jeder selbst herausfinden, denn, im Gegensatz zu den diktierten Bildern auf Leinwänden und Bildschirmen, formen wir aus Buchstaben und Worten unsere eigenen Bilder. Nur diese allein können wir wirklich innerlich begreifen. Somit liest jeder sein eigenes Buch, seine eigene Geschichte, denn obwohl das Wort mächtig ist, ist es nur der Katalysator einer Botschaft, gleichsam gebunden an den ewigen Kreislauf von Inspiration, Expiration und Interaktion, ohne den es wertlos und belanglos bleibt.

Thomas Manegold

 


über HEINRICH BÖLL


Denken mit Heinrich Bùll

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