Dominik Irternkauf : Subkultur und Subversion

 
Interview
 
       

Mit "Subkultur & Subversion" erreichte mich vor mittlerweile einem knappen Jahr ein Essay des Journalisten und Schreibers Dominik Irtenkauf, das schon allein thematisch für eine Zeitung unserer Art maßgeschneidert zu sein scheint. Wer oder was ist eigentlich Subkultur. Was macht sie aus, warum wehrt sie sich gegen den Erzfeind "Mainstream". Warum tötet Komerz die Innovation? Wie meistere ich den schmalen Grat zwischen Verhungern und Verkaufen? All das sind Dinge, die junge und alte Künstler, Szenegänger, Musiker beschäftigen. Dominik Irtenkauf ist es gelungen, das Thema genreübergreifend, ja sogar -unabhängig zu beackern und somit inhaltlich über den künstlerischen Verhaftungen und Klischees zu agieren. Zentraler Gedanke dabei scheint das subversive Element, das nach Irtenkaufs Argumentation die Daseinsberechtigung eines Untergrunds sei. Nach der Lektüre von "Subkultur & Subversion" entstand ein Briefwechsel und Gedankenaustausch zum Thema und daraus schließlich folgendes Interview zu dem es mir, im Sinne der Wahrheitsfindung, ein Vergnügen war, einmal die Contraposition einzunehmen. ;-)

ToM: Subversiv bedeutet zerstörerisch oder umstürzlerisch. Wieso und woher sollen alternative Kulturen in dieser Gesellschaft subversive Kräfte haben, zumal der Undergrund ja einen Overground braucht, aber nicht umgekehrt?

D.I.: "Es ist eine Frage der Richtung: von unten oder von oben? Subversiv besitzt nicht unbedingt den drastischen Kontext, den Du in Deiner Frage ansprichst. Ich verstehe 'subversiv' als das umdreherische Moment, die ständige Hinterfragung von selbstverständlich gewordenen Strukturen. Heute stöhnt jeder über den Stillstand, über die Lähmung, die alle Glieder einer Gesellschaft befällt. Dabei liegt eine Lösung des Problems kriminell einfach auf der Hand: Man muß bei sich selbst anfangen. Klar! Gesellschaftliche und politische Prozesse sind in einer zunehmend komplexer werdenden Erfahrungswelt nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es geht in meinem Ansatz aber um etwas anderes:
Inwiefern braucht der Underground einen Overground? Klar, es ist eine "dialektische Binsenweisheit", common sense, daß ein Unter- auch ein Ober- braucht. Zudem werden Subkulturen als ein Trotz gegen den Mainstream, den großen Strom verstanden. Sie geben sich mit einem gegebenen Zustand, einem Status-quo, nicht zufrieden. Sie entwickelndem allgemein Akzeptieren entgegengestellte Riten, Kleider, Haltungen. So weit, so gut. Das findet man in gängiger Forschungsliteratur, besonders aus dem soziologischen Bereich. Meine Schrift setzt aber an einem anderen Ausgangspunkt an: und zwar frage ich mich, wie man Kräfte, die aus lebensbiographischen Umständen heraus mit ihrer Kunst kein Geld für das tägliche Brot verdienen müssen, potentialisieren kann."

ToM: Diese "lebensbiographischen Umstände" sind ja zeitlich sehr begrenzt. Irgendwann müssen wir für uns selbst sorgen... spätestens dann ist verständlicherweise Schluß mit dem Idealismus. Darüber hinaus hat die sogenannte "brotlose Kunst" ein schlechtes Image.

D.I.: "Ja, in der Medienwelt wird ein beinahe "ehrenamtlich" zu nennendes künstlerisches Arbeiten nicht für voll genommen, weil allein zählt, was sich auszahlt! Der Mainstream, wenn es ihn gibt, denn letztlich macht heute jeder sein eigenes Ding und die Leute basteln sich ihr Leben aus den verschiedensten Versatzstücken zusammen, also wenn der Mainstream eine Idee dermaßen ausbaut, daß große Massen daran Gefallen finden und die Nachfrage entsprechend wächst, dann liegt es an der Subkultur, wie ich sie verstehe, diese sich einpendelnden Kräfte des Marktes zu ZERRÜTTEN.

Dominik IrtenkaufDas Zerstörerische taucht gerade an der Stelle auf, wo es sich die Leute in verschiedenen Szenen bequem machen wollen. Sie sonnen sich, auch wenn sie das niemals offen zugeben wollen, in der ökonomischen Anerkennung. Sie sind eine MACHT AUF DEM MARKT, nicht gesellschaftlich verändernd, sondern an finanziellen und ideologischen Mitteln gewinnend. Nimm zum Beispiel die weitfächerige Schwarze Szene, die mit ihrer sexuellen Freizügigkeit (mit S/M-Praktiken, Lack und Leder) eine Schattenseite gesamtgesellschaftlicher Kultur aufgearbeitet hat. Jetzt ist es schick, sich im Geheimen (also in ausgewählten Klubs oder im heimischen Schlafzimmer) so zu kleiden und die Grenzen der körperlichen und sinnlichen Erfahrung zu passieren."

ToM: Was aber kann und soll der Untergrund da "zerrütten". Warum soll er dieses sich ausbreitende Akzeptanz stören?

D.I.: "Es geht darum, einen Salto zu wagen, aus der üblichen Weltwahrnehmung auszubrechen. Natürlich sind wir von einer Gesamtgesellschaft abhängig; deshalb spreche ich mich gegen eine Abgrenzung nach außen aus: Subkultur, als Verbund aller Szenen, darf nicht nur sich im Blickpunkt haben. Das wäre alles andere als klug, denn während man sich untereinander prächtig versteht, verstehen alle Außenstehenden kein Wörtchen von dem, was man in seinem Szene-Jargon von sich gibt. Subversive Kraft bezieht man aus der kritischen Auseinandersetzung mit dem durch Sprache vermittelten Weltbild. Es ist eine Lehrer-Schüler-Beziehung, wobei die Subkultur aufgrund ihrer 'anderen Ästhetik, Moral und Ethik' zumeist die Rolle des Schülers einnimmt. Der Lehrer ist aber nicht eine Gesamtkultur oder der Mainstream, sondern die Sprache; sie ist es, die oft bei der Beschreibung mancher Szenen mißbraucht wird. Auf der anderen Seite ist sie es auch, die die Grundlage der Insider-Terminologie verschiedener Szenen bildet. Meine Absicht mit 'Subkultur und Subversion' ist eine Grundlagenforschung. Was macht einzelne Szenen unter ihrer Äußerlichkeit aus, was verbindet sie möglicherweise und wie können sie sich gegen die Bedrängnisse des Markts zur Wehr setzen."

ToM: Das ist doch schizo, wenn man sich heimlich den großen Durchbruch wünscht, aber sich gleichzeitig dagegen wehrt.

D.I.: "Es ist nicht paranoid, wenn man immer wieder seine eigenen Strukturen überdenkt und neu ordnet. Eine schöne Methode hierzu ist die von William S. Burroughs und Brion Gyson entwickelte Cut- up-Methode, die nicht nur in der Collagenkunst verwendet wird, sondern Zeitungstexte oder auch klassisch gewordene Prosa bzw. Lyrik ZERSTÜCKELN kann, um daraus neue Perspektiven zu entwickeln."

ToM: Wenn aber der Untergrund gewissermaßen Pionierarbeit leistet, ist die Entwicklung hin zum Massengeschmack doch normal.

D.I.: "Der Underground arbeitet durchaus dem Overground zu, doch hält man gewisse Haltungen aufrecht (vgl. hierzu S. 8-9 meines Essays), die eine Auflösung der Szenen in einer Einheits-Konsumwelt verhindert. Es ist eine Gratwanderung, denn man nimmt mit seinem Beruf zumeist Anteil an einer Gesamtgesellschaft, an ihrem Tausch- und Geldsystem, an ihren Annehmlichkeiten und Verwerfungen, doch letztlich kann man sich in einer ZWISCHENWELT einfinden. Einer Welt, die Grauzonen besitzt, die in gewissen Zeitabständen Freiräume schafft, in denen eine vorurteilsfreie und unkommerzielle Begegnung statthaben kann. Man kann diese Zwischenwelt durchaus als Utopie bezeichnen, die sich aber bereits JETZT, in unserer Gegenwart, realisieren läßt. Ein konkretes Beispiel hierfür sind Festivals und Konvente, an denen sich Menschen für einen geringen Unkostenbeitrag treffen, sich austauschen, neue Wahrnehmungsmethoden schulen und sich von Wein und Gesang begeistern lassen.

Ich könnte noch weiter ausführen, besonders das Rhizom-Modell von Gilles Deleuze und Félix Guattari anführen, das auch in postmoderner Philosophie rezipiert wird, wenn auch nicht stark. Oder aber Hakim Beys Temporäre Autonome Zone, die kurz aufscheint, für einen Bruchteil der Ewigkeit ein Zusammenfinden von subversiven Kräften ermöglicht, nach einer Manifestation, einer Fixierung der zuvor nur lose existierenden einzelnen Fäden, sich wieder auflöst, um nicht ins Register der Meinungskontrolleure zu geraten.

ToM: Allseits beliebtes Thema- Überwachung und Kontrolle. Bekämpft der Overground tatsächlich den Underground?

D.I.: "Wenn sich irgendwo, zum Beispiel, alternative "Religionen" zusammenfinden und ein spirituelles Beisammensein und Erleben gewährleistet wird, fernab von jeder Dogmatik, erscheinen sogenannte Sektenbeauftragte auf der Bildfläche und ORDNEN DIESE EIGENTLICH DYNAMISCHE BEWEGUNG einem festen Platz zu. Dieser Fixierung durch kulturelle Agenten (die Sektenbeauftragten z.B.) oder Prozesse (zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft z.B., die sogar auf den zwischenmenschlichen Umgang mehr und mehr Einfluß nimmt) zu entgehen, ist die höchste Aufgabe, die sich eine Subkultur stellen kann, die sich selbst als subversiv versteht. Subversion ist dabei alles andere als platt oder agitatorisch, sondern subtil. Sie gliedert sich an gewissen Stellen der Gesellschaft an, nimmt auf, steht für sich ein und verändert durch subtile Beeinflussung die Gesamtstruktur. Das ist KEINE UNTERWANDERUNG, es ist eine WANDERUNG - zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen, wie es der Untertitel schön verkündigt.

ToM: Sind Idealisten nicht Idioten?

D.I.: "Schön zugespitzt, ha, ha, ha. Deine polemische Bemerkung geht, so vermute ich mal stark, von der Ansicht aus, daß unentgeltlicher Einsatz für eine unrentable Sache eine Tollkühnheit oder aber zumindest ein pubertärer Einsatz ist. Sobald man nicht mehr bei Muttern wohnt, schlägt unser Geldsystem unerbittlich zu, und fordert einen "rechten Verdienst". Das heißt, man kann nicht länger nach der Schule nach Hause kommen, die neuesten Platten auflegen und es sich auf dem Sofa mit einem Buch gemütlich machen. Wie schaut denn heute der Alltag in den meisten Fällen aus? Man schuftet sich zu Tode, die Arbeit ist kaum mehr sicher, deshalb schweigt man oft zu "krummen Sachen", weil man ja die Stelle nicht verlieren möchte. Eigentlich hatten die Studenten bis zur Einführung der seligen Studiengebühren (was ja gerade bundesweit durchgedrückt werden soll) alle Freiheit, sich neben dem BAföG ein schönes Leben zu machen. Damit meine ich jetzt keinesfalls den Schlendrian, sondern ein Engagement in Undergroundprojekten, die nicht unbedingt Geld für die Butter auf dem Brot abwerfen. Aber auch das wird mit der allgemeinen Wirtschaftsflaute mehr als fraglich. Selbst bin ich noch in der glücklichen Lage, als Student eine Schonfrist in Form von allerlei Ermäßigungen zu erhalten. Bald ist's aber auch damit vorbei. Ich würde aber Deine Frage verneinen, denn Deine Frage basiert auf einer Weltsicht, die auf längere Sicht keine WIRKLICHEN Erfolge zeitigen wird. Nehmen wir an, wir setzen nun alles auf Karriere und machen in der Ausbildung, im Studium nur das, was vorgegeben ist, setzen uns keine größeren Ziele, denken nicht an eine Zeit, in der uns schlichtweg persönliches Glück ereilen wird, ohne jeden materiellen Wert, dann können wir Deiner Frage sicher zustimmen. Wir würden nur von 1 nach 3 über 1+1+1 kommen. Das aber das genauso gut mit 1+2 oder 5-2 klappen könnte, fällt uns im Traum nicht ein. Wir gehen auf der sicheren Seite, doch Bewegung in das Leben kommt meistens von "Spinnern", die etwas entdecken und dafür auch Gefahr riskieren. Das klappt nicht mit Anti-Idealisten; denen ist das zu unsicher.

ToM: Und wie wird man in unserer kapitalistischen Welt ein erfolgreicher Idealist?

D.I.: "Es hängt letztlich davon ab, welche grundsätzlichen Entscheidungen man für sein Leben fällt. Leute, die auf das vermeintlich Realistische pochen, werden merken, daß sie dadurch keine neuen Erfahrungen machen werden, keine lange Freundschaften schließen können, weil sie einfach auf den schnellen Profit aus sind. Gut Ding will Weile haben. In diesem Sprichwort steckt alles drin: Wer aus Idealismus zunächst eine Sache betreibt, bringt auch Opfer, verzichtet mal auf eine Schokocreme oder einen Discobesuch, weil er weiß, daß ein mit Herzblut gewirktes Kunststück viel Liebe und Zeit benötigt. Wer Idealist ist, ohne die Realität zu mißachten, wird reichlich belohnt werden. Nicht in Geldzahlungen, sondern in Anerkennung, Respekt, schönen Dingen. Er wird immer Leute finden, die mit nicht weniger Verve über schöne und auch häßliche Dinge leidenschaftlich reden können, die bis auf das Wesen des Lebens vorstoßen. Ohne Phantasie funktioniert die Welt nicht. Wer glaubt, daß Idealisten Idioten sind, besitzt ein abgeschlossenes Weltbild und fürchtet sich vor fremden Einflüssen von außen. Er oder sie wird nie erahnen können, welche Freude es macht, nicht unter Leistungsdruck stehen zu müssen und sich frei auf der Spielwiese austoben
zu können.

ToM: Das Leben ist aber keine Spielwiese. Die Grünflächen werden immer weniger im Laufe eines solchen. Das eine kannst Du noch abstellen oder eindämmen... nämlich den Besitz materieller Güter, der immer mehr einschränkt. Aber, auch wenn Du das Kunststück fertig bringst, Deine Lebenshaltungskosten, entgegen dem Wirken des Systems, konstant zu halten, mußt Du sie erwirtschaften. Zudem kommt die Verantwortung gegenüber den Folgen Deines Daseins, die sich summiert mit den Jahren... Eltern, Kinder, Gräber ...

D.I.: "Es ist sicher notwendig, daß Idealisten die allgemeine Tendenz nicht ganz aus den Augen verlieren. Wenn sie abschätzen können, wieviel Wahrscheinlichkeit ihre Träume haben, können sie auch andere Menschen davon überzeugen. Wer beginnt, die Wirklichkeit zu verändern, wird merken, daß auf einmal Ideen handfest werden. Wer aus Angst nie beginnt, wird immer das vor sich sehen, was andere auch sehen wollen, die in genau derselben Situation sind.

ToM: Ist eine Subkultur nicht einfach nur eine Ansammlung weltfremder Romantiker, Realitätsverneiner, die hoffen, irgendwann mal Mainstream zu werden?

D.I.: "Das Szenedenken, das sich nach außen hin abschottet, muß aufhören und einer subkulturellen HALTUNG Platz machen, die sich subversiv ausspricht. Solange man sich mit den Andersgekleideten streiten kann, da sie von Weitem schon sichtbar markiert sind, ist die Welt der "Realitätsverneiner" in Ordnung. Einen integralen Zugang zur Subkultur pflegen bislang nur äußerst wenige, was ich sehr bedauerlich finde. Das Problem liegt einfach in der Nachfolge begründet: Pioniere, die ein neues Lebensgefühl, eine neue subkulturelle Identität schaffen, sind Leute, die wirklich an der Basis arbeiten. Mit Basis meine ich hier: mit wenig Mitteln den größtmöglichen künstlerischen Effekt herausholen. Leute, die sich mit den Grundlagen von Kunst beschäftigen, dabei aber zumeist tabuisierte Bereiche streifen, was eine Breitenwirkung zunächst (!) verhindert. Oft haben sie auch nicht gerade Goldesel im Keller hocken.

ToM: Und wie erreiche ich ohne Budget und ohne Werbemittel jemanden mit meiner Kunst oder meiner Botschaft?

D.I.: "Jugendliche, die noch auf der Suche nach neuen Dingen sind, stoßen in irgendeinem Szenecafé auf das neue Zeux, ziehen es sich rein und finden es supergut. Ein Lauffeuer verbreitet sich, Strukturen bilden sich oder alte werden
aufgegriffen. Man kennt das ja zur genüge: Fanzines, Kneipen, Konzertclubs, Veranstalter, Verleger, Festivals und Conventions, Messen, Fanclubs... Alle bisherigen Szenen haben einen eigenen Code ausgebildet, der ein starkes
Gemeinschaftsgefühl garantierte. Manche Jugend- und Alternativbewegungen verschwanden auch wieder, wie die Hippie-Bewegung, die sich selbst 1967 zu Grabe trug, als sie merkte, daß kommerzielle Kaufhäuser ihren "Look" an sogenannte weekend-warriors verkauften. Es war möglich geworden, rein äußerlich zum Hippie zu werden, ohne in seinem Bewußtsein etwas dafür ändern zu müssen."

ToM: Wie macht man es anders, also ohne SelbstBekehrung zum Mainstream durch mentalen suizid oder vorgezogene Midlifecrisis?

D.I.: "In jeder Szene geht es um künstlerische Erzeugnisse, die selbstverständlich oft nur über schlechtes Niveau verfügen, weil sie aufgrund eines blinden Aktionismus gemacht werden. Wer in einer Szene nicht irgendwie aktiv ist, und sei es nur durch Kritik der neuesten Platten oder Bücher, gilt als passiver Konsument. Was die Szenen oft nicht wahrhaben wollen, ist die starke Abhängigkeit von der Unterhaltungsindustrie mit ihren Reproduktionskapazitäten. In den Musikszenen werden pro Monat unzählige neue Platten auf den Markt geworfen, Bands gibt es wie Sand am Meer. Auch in der Untergrundliteratur ist es nicht besser bestellt. Das einzige Rezept, das ich anbieten möchte: Achtet auf die Qualität, nicht auf die Quantität!

ToM: Warum? Weil der Mainstream das Gegenteil propagiert und statt Kunst nur Unterhaltung bietet, statt Inhalt die Effizienz dabei über alles stellt? Der Mainstream verkauft Kultur als Produkt und er wird von Leuten beherrscht, die wiederum ihr Handwerk beherrschen. Der Mainstream- Macher ist nicht blöd, er stellt sich nur blöd, wenn und weil es Geld bringt und genau deshalb ist er erhaben und belächelt die, in seinen Augen eher kleinen Dilettanten.

D.I.: "Es kann nicht angehen, daß eine Subkultur vom Mainstream belächelt wird, weil die Leute dort keine Ahnung vom richtigen Musizieren, Zeichnen oder Schreiben haben. Vielmehr muß es so sein, daß die Leute in einer Subkultur bewußt den Underground wählen, weil sie den direkten Kontakt zu ihren Rezipienten halten können, ihre geistigen Elaborate nicht an Vermittler abgeben müssen. Sie besitzen das volle Recht, über ihre kreative Kraft und das Potential zu verfügen. Das führt zum zweiten Rezept, das ich anbieten möchte: Schaltet die Medien aus oder benutzt sie wenigstens intelligent. Sie korrumpieren, was sie in ihre Griffel bekommen; es ist für einen Journalisten viel zu kompliziert, die abweichlerischen Tugenden einer Subkultur in ihrer Gesamtheit zu verstehen, als einfach Stereotypen und Klischees dankbar aufzugreifen.

ToM: Wie kann man als Erzeuger von Kunst so etwas verhindern?

D.I.: "Wer keinen Stempel aufgedrückt bekommen möchte, dem sei angeraten, immer kritisch zu seiner eigenen Aktivität zu bleiben, sie nicht zu einem Aktivismus werden zu lassen, der nur noch des Machens willen macht. Wer intelligent mit den subkulturellen Inhalten umgehen kann, muß sich nicht fürchten, als der Herr Vampirgeschichtenschreiber oder die Frau Surfmuckenspielerin bekannt zu werden.

Wer seine Reifeprüfung im Underground ablegt, kann gut und gerne eine Publikation verabschieden, die ihren Weg zum Mainstream aufnimmt. Diese dialektische Trennung ist an vielen Stellen nicht aufrechtzuerhalten, denn Künstler, die wissen, was sie können, bewegen sich zwischen unbekannteren und bekannteren Projekten. Man kann das vielleicht als eine "Szene zwischen allen Stühlen" bezeichnen. Es ist eine gesunde Ausgangssituation, die aber Raum für Weiterentwicklung bietet. Es ist ein Raum der Intimität, der nie in großen Hallen und Geschäften entstehen kann. Er ist für das Gewaltige im Kleinen, für die unverfälschten Gefühle und freudige Wissenschaft, von der Nietzsche schon sprach.

ToM: Unterscheiden sich Subkulturen und deren aktive Macher nicht nur in Art, Intensität und Bereitschaft, sich anzupassen und ist damit direkt ihr künstlerisches Überleben, ihr Erfolg verknüpft?

Wie ich bereits in der vorgängigen Antwort erläutert habe, können aktive Macher die Subkultur, die ich als Verbindung ALLER Szenen verstehe und das keineswegs von außen, sondern als von innen heraus entwickeltes Netzwerk, als gesunden Ausgang ihrer Aktionen wählen. Die Subkultur bietet eine hervorragende Infrastruktur, die nicht nur zum Erzeugen von neuen szenerelevanten Produkten dient, sondern als kritischer Informationsaustausch genutzt werden kann. Du gehst erneut vom zweiwertigen Modell aus, das eine gefährliche Annäherung der Subkultur an ein Überlebenssystem, die Geldquelle, beinhaltet. Besonders schön sieht man das natürlich bei Musikgruppen, die mit der Zeit verflachen und die "Gunst der Stunde" ausnutzen wollen. Da stellt sich dann die Frage: Lieber für Jahrzehnte im Underground mühsam das Geld fürs Leben durch Nebenjobs zusammenkratzen oder sich ein wenig anpassen, damit man kommerziell endlich davon leben kann.

Meines Erachtens ist es unmöglich, im konkreten Beispiel eindeutige Aussagen zu treffen: Hat er sich nun von Geld, Ruhm und großer Auflage verleiten lassen oder ist seine Entwicklung einen "natürlichen" Weg gegangen? Bei Musikgruppen ist das oft eindeutiger. Man muß bei den Aktivisten immer eines bedenken: Die Eitelkeit wächst, umso mehr man in der Öffentlichkeit steht. Wie toll wäre es doch, wenn fünfmal so viele Leser meine Subkultur- Schrift lesen würden, welche Auswirkungen könnte das auf die gesellschaftliche Wirklichkeit haben etc.pp.? Das kann man endlos weiterführen. Kein Aktiver und Kreativer ist vor dieser Versuchung gefeit; man kann lernen, damit umzugehen. Knifflig bleibt es trotzdem.

ToM: Dem Mainstream fehlen also zuweilen die Ideen und dem Untergrund das Geld, wobei für beide das Fehlende gleichzeitig die Bedrohung ist. Was hält dann den Untergrund am Leben?

D.I.: "Die Spontanität, die eine unhintergehbare Konstante der einzelnen Szenen ist: Macher im Underground denken in ihren ersten Versuchen oft nicht sonderlich nach, sondern machen einfach. Die Einstürzenden Neubauten hauen zum Beispiel auf irgendwelchen Metalltonnen rum, die Beatpoeten überlegen sich: Ha, wenn wir schon so viel Drogen nehmen, verändert sich möglicherweise auch unsere Weltwahrnehmung - komm', laß uns das mal aufschreiben. Gesagt, getan!

Nach der ersten Experimentierphase, sollten sich dann natürlich gewisse Regeln einstellen, die immer wieder neu bei jedem Werk angewendet werden müssen. Ich werde bis auf weiteres einem Verständnisproblem ausgesetzt sein: mein Begriff von Subkultur unterscheidet sich stark von gängigen Definitionen. Dies ist dem Umstand geschuldet, daß ich starken Wert auf ein Selbstbewußtsein, eine Metaebene lege, die viele Szenegänger so nicht teilen werden. Das Selbstbewußtsein meinen sie natürlich auch zu haben. Aber worin, wenn wir ehrlich sind, spricht sich dieses aus? In passenden Klamotten, Hairstyle, Verhaltensattitüden. Nicht in einem inneren Prozeß, in einem kritischen Überdenken des eigenen Status-quos.

Erst wenn das klappt, kann sich eine Subkultur in der Schwebe zwischen den Extremen halten. Man könnte natürlich auch so weit gehen, und den Szenen jeden Wert absprechen, weil sie ja immer DAGEGEN SEIN, statt FÜR ETWAS HANDELN wollen. Wer wirklich etwas zu sagen hat, nicht Altbekanntes wieder und wieder auftischt und sich in gängigen Bildern verliert, wird über die Zeit Bestand haben. Damit ist ihr künstlerisches Überleben, ihr Erfolg verknüpft. Nur wer tief schaut, kann auch tief treffen! Man sollte leben, immer fleißig üben, seinen Charakter verfeinern und mit anderen Leuten in Kontakt bleiben, dann passiert es ganz von selbst, daß man sich von Schwarz/Weiß-Bildern löst.

ToM: Das subversive Element könnte doch auch nur eine Illusion der Angepaßten sein, die in allem, was anders ist, eine Bedrohung sehen. Das ist wie Tennis ... Die Subkultur nimmt diese "Unterstellung", diese unterschwellige Angst gern auf und reflektiert sie nach außen als "Beweis", daß sie anders ist....

D.I.: "Das wäre ein psychologisches Problem: Fremdzuschreibung wird als eigene Charakterisierung akzeptiert. Dieses Hin und Her kommt sicher vor, und bei dem sogenannten "Satansmord" unlängst hat man sehr schön gesehen, wie zwei verirrte Geister die medialen Konfigurationen auf sich selbst übertragen haben. Eine bloße Übernahme darf in einer Subkultur, die sich als subversive versteht, nicht geschehen.

Subversion in Subkultur, wie sie sich nach meinem Verständnis ereignen soll, kann im negativen Sinne nur zu Selbstbetrug führen, nicht aber eine Illusion sein. Illusion nimmt meistens einen weltanschaulichen Rahmen an. Die Subversion in Subkultur beginnt bei mir aber beim Individuum. Es gibt gewisse subversive Techniken, wie die von Burroughs und Gysin entwickelte Cut-up-Methode, die eine Selbstgefälligkeit zu verhindern helfen. Man nimmt nichts für das, was es zu sein scheint. Man muß tiefer schauen, hinter die Oberfläche. Sicher entkräftet die bloße Existenz solcher Techniken nicht Deinen Vorwurf, daß eine Subkultur DE FACTO gar nicht subversiv agiert, sondern sich als das notwendige Übel in einer Gesamtgesellschaft versteht. Im Sinne eines notwendigen Sündenbocks, wo die rebellischen Geister sagen wir zehn Jahre ihres Lebens verbringen können, bevor sie ordnungsbeflissene Rädchen im System werden. Ein Auffangbecken entweder für materiell Abhängige (Schüler) oder für uneinsichtige Träumer, die ihre eigene kleine konstruierte Welt für sich behalten wollen.

ToM: Nicht selten bleibt nur dieser Jahrmarkteffekt übrig, daß den Außenseiter zum Sündenbock, zur Schießbudenfigur degradiert.

D.I.: "Du gehst aber von einer anderen Perspektive aus, und zwar von derjenigen der Angepaßten. Sie sehen eine deviante Vorliebe, etwas in ihren Augen Abstoßendes, das sie nicht verstehen können. Zwar gilt das Urteil: Über Geschmack läßt sich nicht streiten, doch schert es sie recht wenig. "Ach, das ist doch nur Subkultur. Die haben nichts drauf, die dümpeln immer in ihren eigenen Tümpeln herum." - So das gängige Vorurteil. Was ich nicht verstehe, diffamiere ich erstmal, daß es für mich leichter wird, auf es herabzuschauen.

Subversiv bedeutet in diesem Kontext herausfordernd, die bestehende Ordnung umwälzend. Davor haben Pfründebesitzer große Angst, auch sonstige Menschen, die sich in unserer immer komplexer werdenden Welt immer schwerer tun. Da hilft aber kein Jammern und Schimpfen; die Welt ist nun mal vielfältiger als es sich die Angepaßten in ihrem stillen Kämmerlein ausmalen. Sie suchen nach Feindbildern, finden es in äußerlich Unangepaßten, sind dankbar für diese einfache kultursemiotische Zuordnung, das heißt sie erkennen die Zeichensprache, die die "misfits" benutzen.

Aus diesen gegenseitigen Schuldzuweisungen muß man meines Erachtens herauskommen: Ihr seid die bösen Mainstreamler, die keine eigene Meinung besitzen und die dem Kapital zulachen und ihr seid die blöden Untergründler, die zu allem Nein sagen und nur Leute annehmen, die die selbe Sprache sprechen.Diese Zweiwertigkeit kann man überwinden, indem man zu einem Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen wird, sich nicht festlegen läßt. Das heißt nicht, daß man sich im Werterelativismus sonnen soll, sondern daß man es tunlichst vermeiden sollte, in eine Sackgasse zu geraten, wo man nur noch einer bestimmten Zeit nachhängt, bloß ganz bestimmte Traktate noch und nöcher durchliest und den Code einer spezifischen Szene unhinterfragt übernimmt.

ToM: Welche Position gedenkt Dominik Irtenkauf in diesem Spiel selbst einzunehmen?

D.I.: "Erst im vergangenen Jahr habe ich angefangen, meinen Platz aus der Subkultur heraus zu verstehen, aber nicht krampfhaft zu einer Szene dazu gehören zu wollen. Mich drängt es nun zu Projekten, die umfassend angelegt sind und sich kein bestimmtes Signet auf den Titel kleben müssen. Aber um jedes Mißverständnis auszuräumen: Es ist notwendig, daß sich Leute mit gleichen Interessen und Zielen zusammentun, um etwas anders zu machen als bisher. Doch darf es nicht zur bloßen Routine werden. Eine Subkultur muß von starken Individuen ausgehen, die sich nicht an überkommene Regeln halten. In diesem Sinne wird man mich weder im verwässerten Mainstream noch in der blindaktiven Undergroundszene finden, sondern gerade dazwischen. Mir ist es sehr um einen eigenen Platz in der ganzen "Sache", die man Schreiberei nennen könnte, zu tun. Ich wehre mich nicht dogmatisch gegen Themen, bin aber auf der anderen Seite auch nicht offen für alles. Was "verrückt" und tief genug ist, spricht mich an, und wird von mir bearbeitet werden. Nicht nur Sachartikel und Essays werden von mir ausgearbeitet, ich verfolge auch noch eine umfangreiche literarische Tätigkeit, die aber bei diesem Interview nicht im Mittelpunkt stehen sollte.

Gerade heute, wo es so einfach geworden ist, seine eigene Band zu gründen, sein eigenes Buch bei einem Druckostenzuschußverlag herauszubringen, ist meines Erachtens unbedingt notwendig, wieder durch Qualität zu überzeugen. Dabei bin ich mir bewußt, daß Qualität eine intersubjektive Angelegenheit ist, und ich immer wieder das Feedback von anderen Kreativen brauche. In diesem Sinne bin ich für Anfragen und Bestellungen zu haben. Bitte aber davon abzusehen, Sachen nur wiederzukäuen. Es wird Zeit für einen Aufbruch!"

Vielen Dank für das ausführliche Interview.

Thomas Manegold

 

 
Der Autor

Dominik Irtenkauf, geboren 1979,

aus Münster (Westfalen). Neben seiner (zuweilen phantastischen) Literatur verfaßt er auch viele Essays und arbeitet an einem Zusammenschluß von kreativen Köpfen.

Beschäftigung mit Wissenschaft und Medienkritik; die eigenen Texte reflektieren Kultur als kreativen Experimentalprozeß. Literatur wird nicht nur einfach geschrieben, sondern muß gelebt werden! Dementsprechend findet man den Autor viel auf Bühnen, Workshops und Lesungen in ganz Deutschland.

Eines seiner vorrangigen Ziele ist der Versuch eines Brückenschlags zwischen dem klassischen Erbe und dem Untergrund.

Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien. 2004 u.a. beim Blitz-Verlag, Bohmeier-Verlag und Mischwesen-Autorenverlag. Redakteur bzw. regelmäßige Mitarbeit bei Zeitschriften wie Der Golem, AHA, Aeonikon, Abyss:Abgrund, Tattva Viveka.

 

 

Das Zitat

 

"Subversiv handeln kann man nur, wenn man immer mehr als nur zwei Seiten kennt und es schafft, in auf den ersten Blick unverdächtigen Werken eine ganz schöne Sprengladung zu verstauen."
Dominik Irtenkauf

 

 

Das Werk

 

SUBKULTUR UND SUBVERSION
Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen,
ISBN 3-937440-10-0


32 Seiten DIN A 5,
Mittelheftung.

über Crago-Verlag,
Postfach 1248,
97990 Weikersheim.

 

 

 

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Notatur für einen investigativen Journalismus'
Hadit-Verlag
Info(html)


Was ist Sprachmagie? Ein Blick in die sprachmagische Welt Phrast Ambixens
(Vortrag/Lesungen), DVD in der Edition AHA Film, Tiphareth-Verlag Bergen/D. 2004

 

Dominik Irtenkauf "Entwurf einer Experimentalliteratur"
(Download pdf 58 kB)


Dominik Irtenkauf "Künstlerischer Journalismus. Coniunctio oppositorum?"
Ein Vortrag (Download pdf 492 kB)

 
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