Ein kleiner Abriss der Zeit  
Denk Mal
 
       

Eine Reise durch die Zeit. Der Zeiger steht nicht still. Unermüdlich von der 6 zur 12 und von der 12 zur 6. Immer wieder, immer wieder. Zwei Mal im Kreis dann ist ein Tag um, so definierte man es einst. Und wundersamer Weise richteten sich sogar Tages- und Nachteinbruch danach, auch wenn sie es an manchen Tagen etwas eiliger haben und an anderen Tagen gerne auch etwas länger die Sonne genießen, was ja durchaus verständlich ist. Aber der arme Zeiger. Ihm gönnt man keine Ruhe, niemals. Konstante Bewegung im fürchterlichen Angesicht der Zeit. Stechschritt, Schritt, Schritt.... Sie treibt, nein sie peitscht den armen Zeiger regelrecht voran und gönnt ihm keine Ruh. Ja ja, die Zeit, das unbarmherzige Monster mit der Macht über alle Uhren. Niemand hat sie je gesehen, doch all jene, denen sie im Nacken sitzt, wissen nichts Gutes von ihr zu berichten. Nur wenige wissen sie wirklich zu schätzen, aber vermutlich auch nur weil sie Angst davor haben, daß die Zeit eines Tages auch zu ihnen gehässig sein könnte und dann einfach sagt, meine Zeiger laufen fortan nicht mehr für dich, hau ab!

Menschen brauchen die Zeit, lernen wir daraus, denn ohne die Zeit würden sie schnell jegliche Orientierung und Legitimierung verlieren, immerhin gäbe es dann kein Zu-Spätkommen mehr und auch kein frühes Zubettgehen mehr. Doch gibt es auch Momente, in denen ein altersschwacher Zeiger schlichtweg nicht mehr kann. Und nach all den Jahren des Gleichschritts steht er plötzlich still und mit ihm auch die Zeit. Oder nicht? Denn falls nicht, würde das im Umkehrschluss nicht auch bedeuten, daß auf keine Uhr mehr Verlass ist, wenn sie uns doch allesamt etwas vorgaukeln können? Und Gerüchten zufolge soll es auch vor- und nachgehende Uhren geben, die ihren Besitzern so zusätzliche Lebensminuten schenken oder sie dieser berauben. Doch tickt ein Zeiger auch, wenn ihn niemand dabei beobachtet oder sind dies die Momente, wenn die Zeit uns allen etwas Ruhe gewährt und ihre Sklaventreiberei zur Mittagshitze kurz aussetzt? Was passiert wenn man alle Uhren zerstören würde? Wenn man beispielsweise gleichzeitig überall auf dem blauen Planeten mit Äxten auf sämtliche Uhren einschlagen würde oder die Zeit auf einem riesigen Hügel verbrennen würde? Wäre dies das vielgepriesene Ende aller Zeit, die Apokalypse, auf die wir eigentlich schon seit jeher warten?

Die Züge würden fahren, wenn sie gerade lustig sind und es würde den ganzen Tag die "Tagesschau" kommen, da es a) soviel zu berichten gäbe vom Untergang der Zeit und sie b) nicht mehr wüssten wann Anfang und Ende ihrer täglichen Schau wäre, so das alles nur noch ein großer Tag wäre. Würden sich die Menschen dann nicht auch gegenseitig mit dem Argument erdolchen, daß es gute und schlechte Zeiten gibt, wenn dann ein jeder seine Zeit anders empfindet? Bricht dann nicht ein heilloses Durcheinander über den Planeten herein, das es nicht mehr zu steuern gilt? Selbst auf die drei Minuten Zeit, die die Milch in der Mikrowelle braucht, könnte man sich dann nicht mehr verlassen oder auf die 5-Minuten-Terrine, die uns über schwere Zeiten des Hungers rettet. Und noch schlimmer, neben dem Verlust aller öffentlichen Verkehrsmittel, Nahrungsaufnahme und der Konsense wird auch keine Kommunikation mehr möglich sein, denn ein jeder bewegt sich dann in einer anderen Zeitzone und bekanntlich ist Zeitreisen nicht möglich. So heißt es zumindest. Wie also mit einem Menschen in einer anderen Zeit kommunizieren?! Selbst der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen Winter, Frühling, Sommer und Herbst würde komplett zusammen brechen, denn woran sollte man sich orientieren, wenn es keine hektischen 60 Sekunden-Intervalle mehr gibt und sich die Jahreszeiten nicht so recht entscheiden können, auf wessen Zeit sie nun hören sollen. Ewiger Winter würde die Landstriche überziehen, da er sich nicht mehr entscheiden kann, wann denn nun genau der Frühling Einzug halten soll. Die Menschen würden frieren, wären hungrig und würden sich nicht mehr von einem Ort zum anderen bewegen können, weil die Züge irgendwann vermutlich gar keine Lust mehr hätten zu fahren. Und das Fatale ist ja, daß es kein Zurück mehr gäbe, wenn man sich dann überlegte, daß die Zeit vielleicht doch nicht so schlecht war.

Mit den modernen Mitteln der Wissenschaft würde der um die richtige Zeit ausbrechende Weltkrieg nämlich das Ende aller Menschen bedeuten, denn Atombomben sind stärker als ein paar Minuten früher oder später und bei der Geltungssucht einiger ranghoher Politiker wäre auch davon auszugehen, daß eine neue Zeitrechnung eingeführt werden müsste, so daß es dann nicht mehr heißt, im Jahre 2004 nach Chr. sondern im Jahre 1 nach Bush oder wer auch immer dann das Bombenwettwerfen gewinnen mag. Und noch größeres Chaos würde schließlich des Gewinners Versuch auslösen, daß man zu seinen Lebzeiten eine Zeitrechung "während..." einführen müsste, die es dann zu Ehren des großen Zeitvaters nach dessen Tod noch einmal zu "nach..." zu revolutionieren gilt. Wobei dabei natürlich die Gefahr besteht, daß dann ein neuer Krieg um die Zeit ausbrechen würde, wenn die Gefolgsleute des Herrschers einmal nicht mehr einsehen sollten, daß sie dem großen Zeitmeister zu Ehren, ihre Uhren eine Minute vorstellen sollen, wenn dessen Zeit erst mal vorbei ist. Mal davon abgesehen, daß uns das dann schon eh nicht mehr beträfe, weil wir schon von den zeitlosen Atombomben dahingerafft sein werden. Deshalb gilt folgende Merkregel: Wir brauchen die Uhren und müssen sie vor bösen Gedanken wie diesen hier schützen, denn sie sind unser Führer und unser einzigster Halt in der Welt. Ohne Uhren herrscht Chaos und der Mensch braucht seine Ordnung. Deshalb müssen wir darauf achten, daß wir uns den Regeln der Zeit unterordnen. Zeit ist nicht relativ und wer immer das erzählt hat, ist schwachsinnig, schließlich gibt es ja zentral gesteuerte Funkuhren und bis zum großen Weltkrieg haben die auf jeden Fall recht!

Sascha Blach

 

 

PHOTO: M.HESSE

 

 cover
Eine kurze Geschichte der Zeit
von Stephen W. Hawking

 

 


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