GRAEFF vs. IRTENKAUF "Okkulte Kunst – Wie macht man das?"

 
subKULTur.com 12/ 2006
Gespräch in der Dia-Loge
 
 

Graeff hatte Irtenkauf in sein neues Theaterhaus eingeladen. Es ging um ein Manifest der Okkulten Kunst, das sich mit den (historischen) Verbindungen zwischen der klassischen Avantgarde und Okkultismus auseinandersetzt. Irtenkauf hat zu diesem Thema bereits im Kultur-Kanal vom April 2005 einen ausführlichen Essay verfaßt. Jetzt übersandte ihm besagter Autor aus Berlin seine Schrift aus dem Bohmeier-Verlag. Irtenkauf hob das Buch abwägend in den Händen. Der Verlag, in dem es erschienen ist, ist nicht gerade für wissenschaftlich vertretbare Positionen bekannt. Vielmehr agiert die Leipziger Verlegerin selbst in okkultistischen Kreisen.

Graeff hebt dieses ambivalente Wort, das sich mancher Kunstliebhaber nicht allzu gerne auf der Zunge zergehen läßt, in künstlerische Begriffe. Er spricht von subjektivistischer Kunst, die sich ins Innere wendet und von dort aus Werke erzeugt. Das Okkulte wird in diesem Zusammenhang nicht als Obskurität und moralische Bösartigkeit verstanden, sondern als eine Immanenz des Lebens, die mit der Kunst bewußt werden kann.

Irtenkauf: Du führst viele Zitate an, mit denen du deine Position unterstreichen möchtest. Aber verdankt sich diese Zitierwut nicht eher der Angst, daß Laien das Okkulte in deiner Kunst mißverstehen könnten und deshalb diesen Ansatz ganz meiden, wenn auch aus Vorurteil?
Graeff: Du spielst auf eine bekannte Problematik an. Gemeinhin lässt sich zeitgenössische Kunstpraxis nicht in der Vergangenheit begründen. Das tue ich auch nicht. Mir geht es um ein essayistisches Wiederfinden vergangener Kunstpraxis, um sie mit meiner eigenen zu vergleichen. Ich führe mit den Zitaten lediglich Referenzfälle an, die den Okkultismus als kulturimmanentes Phänomen der Modernen Kunst deutlich machen.

Irtenkauf: Weshalb beschreibst du nicht einfach dein Kunstschaffen aus den von dir entworfenen Kunstwerken selbst? Du führst alle möglichen lebenden und toten Theoretiker und Künstler an. Okkulte Kunst müßte doch die Orientierung an irgendwelcher Wissenschaft aufgeben und letztlich nur auf den Schaffenden eingeschränkt werden.
Graeff: Vollkommen! Das tue ich auch noch. Es existiert bereits das Manuskript eines zweiten Buches, welches sich ausschließlich mit der ästhetischen Position befasst. Darin beschreibe ich mein eigenes künstlerisches Vorgehen. Das Manifest war als Appetitanreger gedacht. Der Leser kann so einen Einstieg in die Thematik finden.

Irtenkauf: Ich verstehe deinen Einwand. Mir schwebt bei Kunst aber eher ein Schaffen für eine Überzeugung, eine Weltsicht vor. Die Abgrenzung wird aufgehoben, was Ziel jeder integralen Kunst ist, wie es die Alchemie in vielen symbolischen Trakten immer wieder zum Ausdruck brachte. Der Schöpfer und das Geschöpfte können nie getrennt sein, sondern kommen während des Aktes zur Vereinigung.
Graeff: Das Gesamtkonzept der Okkulten Kunst erschöpft sich keinesfalls an dem Grundlagentext „Manifest der Okkulten Kunst”. Ich arbeite neben den historischen Vergleichen auch an den ästhetischen Symptomen, welche die Okkulte Kunst meines Erachtens begleiten. Darin ist die Immanenz des Werkes untrennbar an meine Weltsicht und mein Tun als Künstler geknüpft. Der Unterschied zu einer reinen theoretischen Position ist ja, dass ich selbst die Schnittstelle zwischen Produktion und Analyse mit meiner Person erfülle.

Irtenkauf: Diese ästhetischen Vorstellungen einmal auf den Punkt gebracht. Wie sehen die aus?
Graeff: Die Okkulte ist relativ autonom; sie ist das Ergebnis einer Synthese aus Kunst und einer Vorstellung des Verborgenen, die ich Okkultismus nenne. Die ästhetischen Eigenschaften der Okkulten Kunst sind nur als Symptome, als Hinweise auf die innere Ästhetik zu verstehen. Diese sind: Subjektivistisch, Spirituell, Erkenntnisstiftend, Prozessual und Synthetisierend. Okkulte Kunst versteht sich als subjektivistische Kunst, dezidiert: Ausdruckskunst. Sie entsteht durch die Intention und Interpretationsleistung des Künstlers. Mit „Spirituell” meine ich eine ganzheitliche Erzeugung des Werkes. Kognitive und emotionale Dispositionen sollen gerade nicht gegeneinander ausgespielt, sondern verschränkt werden. Das Symptom „Erkenntnisstiftend” sieht Kunst als gleichberechtigtes Medium zur Wissens- und somit Welterzeugung. Erkenntnis ist der intentionale Antrieb des Künstlers der Okkulten Kunst. Weiter bezeichne ich sie als prozessual. Das Werk kann als Entwicklungsweg des Künstlers begriffen werden. „Synthetisierend” meint die Verschränkung verschiedener Kunstarten, Formen und Stile, aber auch die Verknüpfung anderer Lebenspraxen mit der Kunst (ohne kunstexterne Verwendungszwecke zum Ziel der Kunst erheben zu wollen).

Irtenkauf: Du erwähntest deine Weltsicht. Wie findet die sich in deinem Konzept wieder?
Graeff: Die Okkulte Kunst hat ihre Grundlage in einem konstruktivistischen Weltbild. Sie dient mir als Methode, um annäherungsweise das zu erfahren (nicht zu verstehen!), was wir Welt und Subjekt nennen. Okkulte Kunst liegt im Auge des Betrachters; die skizzierten Symptome zielen nicht auf eine objektiv angenommene Wirkungsästhetik ab. Das ästhetische Konzept der Okkulten Kunst ist in erster Linie ein produktionsästhetisches. Welt und Subjekt befinden sich meines Erachtens in einem kreativen Zirkel – das kennzeichnet das Leben und die Kunst. Produkt dieses Zirkels ist nicht nur irgendein Kunstwerk, sondern die Vorstellung einer subjektiv-konstruierten und intersubjektiv-konstruktiven Wirklichkeit.

Irtenkauf: Ist die Okkulte Kunst abhängig von ihrem Inhalt?
Graeff: Ich denke schon. Die Form folgt nur dem Inhalt. Das ist eine wichtige Prämisse geistiger Kunst, die unter anderem auf Wassily Kandinsky zurückgeht. Es geht ganz allgemein um Introspektion. Um das Vertiefen in die Dinge, die zunächst verborgen sind.

Irtenkauf: Wo sind die zeitgenössischen bildenden Künstler, die sich dieser Kunst annehmen?
Graeff: Es geht mir in erster Linie um die Verlautbarung meiner ästhetischen Position; die ist – wie meine Kunst – subjektivistisch. Ich freue mich natürlich, wenn andere Kreative vergleichbares in ihrem Schaffen erkennen, das mache ich mir aber nicht zur Aufgabe.

Irtenkauf: Ich wollte noch hinzufügen: Ich beschäftige mich mit okkulten Theorien und schaffe literarische Werke. Für mich hat der Okkultismus eine mediale Signifikanz. Wenn ich über Seancen lese, über Signaturenlehre, über Hermetik und den kabbalistischen Lebensbaum – so helfen mir all diese Philosopheme dabei, meinen kreativen und assoziativen Geist zu ordnen. Die Einflüsse müssen aber nicht unbedingt in den Werken selbst auftauchen.
Graeff: Du hast einen Zugang über die Formebene gewählt. Das finde ich nicht minder spannend. Ich denke aber, dass die Okkulte Kunst den Weg über die (emotionalen) Inhalte nimmt. Ich habe ein Gefühl, dem ich durch eine Methode folge. Ich versuche darzulegen, dass meine Experimente auch intersubjektive Tragweite haben könnten. Ich legitimiere dieses Vorgehen, dass ästhetische Überlegungen eine grundlegende Verknüpfung zur selbst empfundenen Weise besitzen. Schiller hat das in seiner Ästhetischen Erziehung als guten Rat voraus gesandt. So halte ich es auch.

Irtenkauf: Wie wird jedoch Okkulte Kunst für andere als dich selbst erfahrbar? Man stelle sich das einfach so vor: Man sitzt in deinem Theaterhaus und in angemessener Abfolge werden Dias gezeigt, auf denen Erinnerungsfotos von Träumen, Ideen, Visionen und angenehmen Augenblicken zu sehen sind. Das ist Okkulte Kunst: eine Reise in die vergessenen, verdrängten und verborgenen Geistesbilder.
Graeff: Die Art der Inszenierung wird die Symptome zeigen oder eben nicht. Am besten ist, wir fragen den Regisseur, was ihn getrieben hat. Es ist schwierig ein „Für” oder „Gegen” die Okkulte Kunst zu finden, wenn ich nur auf der Rezeptionsseite stehe. Die Intention des Künstlers ist dagegen das entscheidende Moment.

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Alexander Graeff

Alexander Graeff, Jahrgang 1976, arbeitet als freier Autor und Klangexperimentator im Electro-Avantgarde-Projekt KOMA69. Ergebnisse seiner Schöpfungsprozesse sind gleichermaßen essayistische Sachtexte sowie skurril-philosophische Prosafragmente. Graeffs essayistische Schwerpunkte sind die historischen Bewegungen der Lebensreform, des Okkultismus und der künstlerischen Avantgarde der Moderne. Seine erzählende Prosa ist fragmentarisch und surreal. >>weiter

 


Buch: "Manifest der Okkulten Kunst"

 

 

Okkulte Kunst- Symbolismus mit Tendenz zur Abstraktion:


Martin Weyers "Geheime Macht"

 


Martin Weyers "Gefahrvoller Aufstieg"

Martin Weyers arbeitet als freier Künstler im Grenzbereich zwischen Figuration und Abstraktion. Er verbindet traditionelle mit modernen Maltechniken. Die Beschäftigung mit Mythologie, Symbolen und philosophischer Metaphysik spiegelt sich Weyers’ Bildwelten.

 
 
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