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Graeff hatte Irtenkauf in sein neues Theaterhaus eingeladen.
Es ging um ein Manifest der Okkulten Kunst, das sich mit den (historischen)
Verbindungen zwischen der klassischen Avantgarde und Okkultismus auseinandersetzt.
Irtenkauf hat zu diesem Thema bereits im Kultur-Kanal vom April 2005 einen
ausführlichen Essay verfaßt. Jetzt übersandte ihm besagter
Autor aus Berlin seine Schrift aus dem Bohmeier-Verlag. Irtenkauf hob
das Buch abwägend in den Händen. Der Verlag, in dem es erschienen
ist, ist nicht gerade für wissenschaftlich vertretbare Positionen
bekannt. Vielmehr agiert die Leipziger Verlegerin selbst in okkultistischen
Kreisen.
Graeff hebt dieses ambivalente Wort, das sich mancher
Kunstliebhaber nicht allzu gerne auf der Zunge zergehen läßt,
in künstlerische Begriffe. Er spricht von subjektivistischer Kunst,
die sich ins Innere wendet und von dort aus Werke erzeugt. Das Okkulte
wird in diesem Zusammenhang nicht als Obskurität und moralische Bösartigkeit
verstanden, sondern als eine Immanenz des Lebens, die mit der Kunst bewußt
werden kann.
Irtenkauf: Du führst viele Zitate an, mit denen du
deine Position unterstreichen möchtest. Aber verdankt sich diese
Zitierwut nicht eher der Angst, daß Laien das Okkulte in deiner
Kunst mißverstehen könnten und deshalb diesen Ansatz ganz meiden,
wenn auch aus Vorurteil?
Graeff: Du spielst auf eine bekannte Problematik an. Gemeinhin lässt
sich zeitgenössische Kunstpraxis nicht in der Vergangenheit begründen.
Das tue ich auch nicht. Mir geht es um ein essayistisches Wiederfinden
vergangener Kunstpraxis, um sie mit meiner eigenen zu vergleichen. Ich
führe mit den Zitaten lediglich Referenzfälle an, die den Okkultismus
als kulturimmanentes Phänomen der Modernen Kunst deutlich machen.
Irtenkauf: Weshalb beschreibst du nicht einfach dein Kunstschaffen aus
den von dir entworfenen Kunstwerken selbst? Du führst alle möglichen
lebenden und toten Theoretiker und Künstler an. Okkulte Kunst müßte
doch die Orientierung an irgendwelcher Wissenschaft aufgeben und letztlich
nur auf den Schaffenden eingeschränkt werden.
Graeff: Vollkommen! Das tue ich auch noch. Es existiert bereits das
Manuskript eines zweiten Buches, welches sich ausschließlich mit
der ästhetischen Position befasst. Darin beschreibe ich mein eigenes
künstlerisches Vorgehen. Das Manifest war als Appetitanreger gedacht.
Der Leser kann so einen Einstieg in die Thematik finden.
Irtenkauf: Ich verstehe deinen Einwand. Mir schwebt bei Kunst aber eher
ein Schaffen für eine Überzeugung, eine Weltsicht vor. Die Abgrenzung
wird aufgehoben, was Ziel jeder integralen Kunst ist, wie es die Alchemie
in vielen symbolischen Trakten immer wieder zum Ausdruck brachte. Der
Schöpfer und das Geschöpfte können nie getrennt sein, sondern
kommen während des Aktes zur Vereinigung.
Graeff: Das Gesamtkonzept der Okkulten Kunst erschöpft sich keinesfalls
an dem Grundlagentext „Manifest der Okkulten Kunst”. Ich arbeite
neben den historischen Vergleichen auch an den ästhetischen Symptomen,
welche die Okkulte Kunst meines Erachtens begleiten. Darin ist die Immanenz
des Werkes untrennbar an meine Weltsicht und mein Tun als Künstler
geknüpft. Der Unterschied zu einer reinen theoretischen Position
ist ja, dass ich selbst die Schnittstelle zwischen Produktion und Analyse
mit meiner Person erfülle.
Irtenkauf: Diese ästhetischen Vorstellungen einmal auf den Punkt
gebracht. Wie sehen die aus?
Graeff: Die Okkulte ist relativ autonom; sie ist das Ergebnis einer
Synthese aus Kunst und einer Vorstellung des Verborgenen, die ich Okkultismus
nenne. Die ästhetischen Eigenschaften der Okkulten Kunst sind nur
als Symptome, als Hinweise auf die innere Ästhetik zu verstehen.
Diese sind: Subjektivistisch, Spirituell, Erkenntnisstiftend, Prozessual
und Synthetisierend. Okkulte Kunst versteht sich als subjektivistische
Kunst, dezidiert: Ausdruckskunst. Sie entsteht durch die Intention und
Interpretationsleistung des Künstlers. Mit „Spirituell”
meine ich eine ganzheitliche Erzeugung des Werkes. Kognitive und emotionale
Dispositionen sollen gerade nicht gegeneinander ausgespielt, sondern verschränkt
werden. Das Symptom „Erkenntnisstiftend” sieht Kunst als gleichberechtigtes
Medium zur Wissens- und somit Welterzeugung. Erkenntnis ist der intentionale
Antrieb des Künstlers der Okkulten Kunst. Weiter bezeichne ich sie
als prozessual. Das Werk kann als Entwicklungsweg des Künstlers begriffen
werden. „Synthetisierend” meint die Verschränkung verschiedener
Kunstarten, Formen und Stile, aber auch die Verknüpfung anderer Lebenspraxen
mit der Kunst (ohne kunstexterne Verwendungszwecke zum Ziel der Kunst
erheben zu wollen).
Irtenkauf: Du erwähntest deine Weltsicht. Wie findet die sich in
deinem Konzept wieder?
Graeff: Die Okkulte Kunst hat ihre Grundlage in einem konstruktivistischen
Weltbild. Sie dient mir als Methode, um annäherungsweise das zu erfahren
(nicht zu verstehen!), was wir Welt und Subjekt nennen. Okkulte Kunst
liegt im Auge des Betrachters; die skizzierten Symptome zielen nicht auf
eine objektiv angenommene Wirkungsästhetik ab. Das ästhetische
Konzept der Okkulten Kunst ist in erster Linie ein produktionsästhetisches.
Welt und Subjekt befinden sich meines Erachtens in einem kreativen Zirkel
– das kennzeichnet das Leben und die Kunst. Produkt dieses Zirkels
ist nicht nur irgendein Kunstwerk, sondern die Vorstellung einer subjektiv-konstruierten
und intersubjektiv-konstruktiven Wirklichkeit.
Irtenkauf: Ist die Okkulte Kunst abhängig von ihrem Inhalt?
Graeff: Ich denke schon. Die Form folgt nur dem Inhalt. Das ist eine
wichtige Prämisse geistiger Kunst, die unter anderem auf Wassily
Kandinsky zurückgeht. Es geht ganz allgemein um Introspektion. Um
das Vertiefen in die Dinge, die zunächst verborgen sind.
Irtenkauf: Wo sind die zeitgenössischen bildenden Künstler,
die sich dieser Kunst annehmen?
Graeff: Es geht mir in erster Linie um die Verlautbarung meiner ästhetischen
Position; die ist – wie meine Kunst – subjektivistisch. Ich
freue mich natürlich, wenn andere Kreative vergleichbares in ihrem
Schaffen erkennen, das mache ich mir aber nicht zur Aufgabe.
Irtenkauf: Ich wollte noch hinzufügen: Ich beschäftige mich
mit okkulten Theorien und schaffe literarische Werke. Für mich hat
der Okkultismus eine mediale Signifikanz. Wenn ich über Seancen lese,
über Signaturenlehre, über Hermetik und den kabbalistischen
Lebensbaum – so helfen mir all diese Philosopheme dabei, meinen
kreativen und assoziativen Geist zu ordnen. Die Einflüsse müssen
aber nicht unbedingt in den Werken selbst auftauchen.
Graeff: Du hast einen Zugang über die Formebene gewählt.
Das finde ich nicht minder spannend. Ich denke aber, dass die Okkulte
Kunst den Weg über die (emotionalen) Inhalte nimmt. Ich habe ein
Gefühl, dem ich durch eine Methode folge. Ich versuche darzulegen,
dass meine Experimente auch intersubjektive Tragweite haben könnten.
Ich legitimiere dieses Vorgehen, dass ästhetische Überlegungen
eine grundlegende Verknüpfung zur selbst empfundenen Weise besitzen.
Schiller hat das in seiner Ästhetischen Erziehung als guten Rat voraus
gesandt. So halte ich es auch.
Irtenkauf: Wie wird jedoch Okkulte Kunst für andere als dich selbst
erfahrbar? Man stelle sich das einfach so vor: Man sitzt in deinem Theaterhaus
und in angemessener Abfolge werden Dias gezeigt, auf denen Erinnerungsfotos
von Träumen, Ideen, Visionen und angenehmen Augenblicken zu sehen
sind. Das ist Okkulte Kunst: eine Reise in die vergessenen, verdrängten
und verborgenen Geistesbilder.
Graeff: Die Art der Inszenierung wird die Symptome zeigen oder eben
nicht. Am besten ist, wir fragen den Regisseur, was ihn getrieben hat.
Es ist schwierig ein „Für” oder „Gegen” die
Okkulte Kunst zu finden, wenn ich nur auf der Rezeptionsseite stehe. Die
Intention des Künstlers ist dagegen das entscheidende Moment.
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Alexander Graeff
Alexander Graeff, Jahrgang 1976, arbeitet
als freier Autor und Klangexperimentator im Electro-Avantgarde-Projekt
KOMA69. Ergebnisse seiner Schöpfungsprozesse sind gleichermaßen
essayistische Sachtexte sowie skurril-philosophische Prosafragmente. Graeffs
essayistische Schwerpunkte sind die historischen Bewegungen der Lebensreform,
des Okkultismus und der künstlerischen Avantgarde der Moderne. Seine
erzählende Prosa ist fragmentarisch und surreal. >>weiter

Buch: "Manifest der Okkulten Kunst"
Okkulte Kunst- Symbolismus mit
Tendenz zur Abstraktion:

Martin Weyers "Geheime Macht"

Martin Weyers "Gefahrvoller Aufstieg"
Martin Weyers arbeitet als freier Künstler
im Grenzbereich zwischen Figuration und Abstraktion. Er verbindet traditionelle
mit modernen Maltechniken. Die Beschäftigung mit Mythologie, Symbolen
und philosophischer Metaphysik spiegelt sich Weyers’ Bildwelten.
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