Eines schönen Tages, der Himmel war so blau, wie dieser Brief...
„Lieber Student, liebe Studentin, wir wollten darauf hinweisen,
daß Sie aufgrund Überschreitung der Regelstudienzeit ab
dem kommenden Semester 650 Euro Studiengebühren zu entrichten
haben. Bei Nichtbefolgung der Zahlungsanweisung werden Sie exeku...exmatrikuliert.
Hochachtungsvoll, der Universitätsleiter.“
So in
etwa lautete der Inhalt jener frohen Botschaft, die mich vor ein paar
Wochen erreichte und meine Stimmung in Gefrierpunktnähe trieb.
Da war man der Bildungseinrichtung so lange treu, und zum Dank erhält
man Infopost mit dem Charme einer Schutzgelderpressung! La Familia
will mich verstoßen, und das ist tragisch, denn wer sonst hat
schon einen halben Geisteswissenschaftler lieb? Die Bank schon mal
nicht, wie ich auf der Suche nach Geldquellen feststellen durfte.
Kein Wunder, denn selbst eine Amöbe unter den Schreibtischtätern
besitzt noch einen untrüglichen Instinkt für schlechte Investitionen,
der bei Namenszusätzen wie „Mag. Art.“ automatisch
Alarm schlägt...
Denn, welche Alternativen zum universitären Nesthocken tun sich
auf? Betrachtet man die fachspezifischen Fähigkeiten eines Individuums,
das – wie ich - mehr oder weniger leidenschaftlich dem Studium
der Germanistik gefrönt hat, erkennt man sofort einige herausragende
Eigenschaften. Idealerweise weiß diese Person ein Buch richtig
herum zu halten und kann den einfachsten deutschen Satz mittels Verschachtelung
und Fremdwort-Nutzung unzugänglich gestalten. Außerdem
wird sie nicht einmal in extremen Streßsituationen „das“
und „daß“ verwechseln... Nur interessiert das niemanden
mehr, weder das gemeine Volk, noch diejenigen, die dafür vielleicht
noch des Germanisten Lebensunterhalt bezahlen sollen. Selbst dem Absolventen
mit Abschluß kann man also nur ein wohlwollendes „Petri
Heil“ wünschen für den Versuch, sich aus den trüben
Tümpeln des Arbeitsmarktes einen halbwegs passablen Job zu angeln.
Und wie
sieht das Ganze dann OHNE Abschluß aus? Welches Betätigungsfeld
erschließt sich dem Goethe-Verwöhnten, Schiller-Gedrillten
oder Hesse-Besessenen, dessen einziger „Ausbildungsnachweis“
aus der obligatorischen Rotweinaffinität und einer zwanghaften
Korrekturneurose in Bezug auf Rechtschreibfehler besteht?
Ich erinnere mich an einen Artikel, der mir vor ein paar Wochen in
einer Tageszeitung auffiel. Der Verfasser wollte Jugendlichen auf
Ausbildungsplatzsuche eine kleine Motivationsspritze verabreichen,
indem er anmerkte, daß man schließlich auch als Gebäudereinigungsfachkraft
Karriere machen könne. Also, lieber Herr S., da bin ich voll
und ganz Ihrer Meinung! Wenn man drei Jahre lang Theorie und Praxis
der professionellen Haussäuberung erlernt hat, dann ist ein sechsstelliges
Jahreseinkommen auch das Mindeste, was man verlangen kann! Warum wußte
ich das damals noch nicht, als ich jeden Abend die Toiletten in der
Managerabteilung vom Wohlstandsunrat befreite, um damit mein Studium
zu finanzieren? Es hätte alles so einfach sein können, hätte
ich nur um das wirtschaftliche Potential meiner Dienste gewußt!
Pro Semester-Wochen-Stunde ein Klo geputzt, und ich wäre in Null
Komma Nix fertig studiert gewesen sein tun!
Nachdem
also kein Magister, Doktor oder Master of Propper meinen Namen schmücken
wird, kann ich titelfrei in den Untergrund abtauchen. Schließlich
bin ich jetzt ein ökonomisch nicht verwertbares und obendrein
zahlungsunfähiges Abfallprodukt, der Schreck der Arbeitsagentur!
Allerdings ist es auch ein reizvoller Gedanke, sich als subversives
Element zu betätigen, als Guerillakämpfer gegen gesellschaftliche
Mißstände, gegen Oberflächlichkeit und Unterbelichtung,
gegen den sprachlichen und geistigen Verfall meiner Mitmenschen, gegen
.....
Oh ja,
dadurch hätte ich einen 24-Stunden-Full-Time-Job und könnte
Parolen von mir geben wie: „RTL, SAT 1, PRO 7, ihr habt uns
das Niveau vertrieben!“.
So sei
es. Nehmt
euch in 8, denn gnadenlos werden meine Worte sein! Wahrlich...
To be
continued...
Die
Stimme aus dem Untergrund