... im Briefkasten  
subKULTur.com
11/05
     


Eines schönen Tages, der Himmel war so blau, wie dieser Brief...

„Lieber Student, liebe Studentin, wir wollten darauf hinweisen, daß Sie aufgrund Überschreitung der Regelstudienzeit ab dem kommenden Semester 650 Euro Studiengebühren zu entrichten haben. Bei Nichtbefolgung der Zahlungsanweisung werden Sie exeku...exmatrikuliert. Hochachtungsvoll, der Universitätsleiter.“

So in etwa lautete der Inhalt jener frohen Botschaft, die mich vor ein paar Wochen erreichte und meine Stimmung in Gefrierpunktnähe trieb. Da war man der Bildungseinrichtung so lange treu, und zum Dank erhält man Infopost mit dem Charme einer Schutzgelderpressung! La Familia will mich verstoßen, und das ist tragisch, denn wer sonst hat schon einen halben Geisteswissenschaftler lieb? Die Bank schon mal nicht, wie ich auf der Suche nach Geldquellen feststellen durfte. Kein Wunder, denn selbst eine Amöbe unter den Schreibtischtätern besitzt noch einen untrüglichen Instinkt für schlechte Investitionen, der bei Namenszusätzen wie „Mag. Art.“ automatisch Alarm schlägt...


Denn, welche Alternativen zum universitären Nesthocken tun sich auf? Betrachtet man die fachspezifischen Fähigkeiten eines Individuums, das – wie ich - mehr oder weniger leidenschaftlich dem Studium der Germanistik gefrönt hat, erkennt man sofort einige herausragende Eigenschaften. Idealerweise weiß diese Person ein Buch richtig herum zu halten und kann den einfachsten deutschen Satz mittels Verschachtelung und Fremdwort-Nutzung unzugänglich gestalten. Außerdem wird sie nicht einmal in extremen Streßsituationen „das“ und „daß“ verwechseln... Nur interessiert das niemanden mehr, weder das gemeine Volk, noch diejenigen, die dafür vielleicht noch des Germanisten Lebensunterhalt bezahlen sollen. Selbst dem Absolventen mit Abschluß kann man also nur ein wohlwollendes „Petri Heil“ wünschen für den Versuch, sich aus den trüben Tümpeln des Arbeitsmarktes einen halbwegs passablen Job zu angeln.

Und wie sieht das Ganze dann OHNE Abschluß aus? Welches Betätigungsfeld erschließt sich dem Goethe-Verwöhnten, Schiller-Gedrillten oder Hesse-Besessenen, dessen einziger „Ausbildungsnachweis“ aus der obligatorischen Rotweinaffinität und einer zwanghaften Korrekturneurose in Bezug auf Rechtschreibfehler besteht?
Ich erinnere mich an einen Artikel, der mir vor ein paar Wochen in einer Tageszeitung auffiel. Der Verfasser wollte Jugendlichen auf Ausbildungsplatzsuche eine kleine Motivationsspritze verabreichen, indem er anmerkte, daß man schließlich auch als Gebäudereinigungsfachkraft Karriere machen könne. Also, lieber Herr S., da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung! Wenn man drei Jahre lang Theorie und Praxis der professionellen Haussäuberung erlernt hat, dann ist ein sechsstelliges Jahreseinkommen auch das Mindeste, was man verlangen kann! Warum wußte ich das damals noch nicht, als ich jeden Abend die Toiletten in der Managerabteilung vom Wohlstandsunrat befreite, um damit mein Studium zu finanzieren? Es hätte alles so einfach sein können, hätte ich nur um das wirtschaftliche Potential meiner Dienste gewußt! Pro Semester-Wochen-Stunde ein Klo geputzt, und ich wäre in Null Komma Nix fertig studiert gewesen sein tun!

Nachdem also kein Magister, Doktor oder Master of Propper meinen Namen schmücken wird, kann ich titelfrei in den Untergrund abtauchen. Schließlich bin ich jetzt ein ökonomisch nicht verwertbares und obendrein zahlungsunfähiges Abfallprodukt, der Schreck der Arbeitsagentur! Allerdings ist es auch ein reizvoller Gedanke, sich als subversives Element zu betätigen, als Guerillakämpfer gegen gesellschaftliche Mißstände, gegen Oberflächlichkeit und Unterbelichtung, gegen den sprachlichen und geistigen Verfall meiner Mitmenschen, gegen .....

Oh ja, dadurch hätte ich einen 24-Stunden-Full-Time-Job und könnte Parolen von mir geben wie: „RTL, SAT 1, PRO 7, ihr habt uns das Niveau vertrieben!“.

So sei es. Nehmt euch in 8, denn gnadenlos werden meine Worte sein! Wahrlich...

To be continued...

Die Stimme aus dem Untergrund


 





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