| ... im Sozialstaat |
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05/06 |
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Dabei
war "Selbstversorgerin" das eherne Ziel und der Grund meines
Anklopfens war die Frage nach einem Startkapital. Doch man bekommt
den Einstieg in die Selbstausbeutung nur dann mit finanziert, wenn
man bereits Almosen bezieht. Um also aus der Arbeitslosenstatistik
rauszufliegen, muß man erstmal reinkommen, also muß man
sich arbeitslos melden und Sozialleistungen beziehen, bevor an Existenzgründung
zu denken ist. Aber
bekanntlich wächst man an solchen Aufgaben, und so fütterte
ich die bürokratische Bestie trotz mentaler Abwehrreaktionen
nach bestem Wissen und Gewissen – eigentlich gibt es nicht viel
zu erzählen, ich habe da ein ganz simples, binäres System:
Einkommen: 0. Vermögen: 0. Besitz: 0. Mitbewohner: 1 ... AHA!
Genau hier setzten meine Peiniger mit der peinlichen Befragung an.
“Sie haben einen Mitbewohner?“ - „Ja. Das nennt
man WG oder auch Wohngemeinschaft.“ - „Haben Sie Geschlechtsverkehr
mit selbigem?“ - „Wie bitte?“ - "Ist dieser
Mitbewohner Ihr Geschlechtspartner?“ - „Haben SIE zuviel
Big Brother geschaut?“ - „Nein, sie müssen nur nachweisen,
daß Sie in keiner eheähnlichen Gemeinschaft mit diesem
Herrn wohnen, andernfalls gehen wir davon aus, daß Ihr Mitbewohner
gleichzeitig Ihr Lebenspartner ist und für Sie aufzukommen hat.“
"Wie ähm, wollen Sie vielleicht `n Abstrich machen oder
so? ... oder soll er zum DNA Test?" "Wenn er nicht mit Ihnen, dann muß er ja mit einer anderen..." Logisch, Sex ist beim Mann eine staatlich anerkannte Notdurft, also gilt es, plausibel zu erklären, mit wem er diese verrichtet, wenn nicht mit mir. Mit einem Fingerspitzengefühl, mit dem man sonst nur Kondomverpackungen aufreißt, versuchte ich, das Privatleben meines Mitbewohners herauszuhalten. Vergeblich! Zumindest das Arbeitsamt geht davon aus, daß Männer und Frauen in getrennten Wohnblöcken zu halten sind, oder sonst zwanghaft übereinander herfallen. Doch Küche, Magen und Konto sind immer noch leer. Um also die Soforthilfe in Anspruch nehmen zu können, warte man zwei Monate und dementiere in dieser Zeit alle Unterstellungen, die der Briefträger fast täglich vorbeibringt. Zu guter Letzt unterschreibe man gemeinsam mit seinem Lebensabschnittsgefährten, dem Mitbewohner und dessen Lebensabschnittsgefährtin ein Geständnis, das besagt, daß jeder nur bei, auf und unter demjenigen, bei, auf und unter dem er offiziell darf... So nebenbei hatte der meinige das Glück, selbst mittellos zu sein. Andernfalls hätte er mich aushalten müssen. Wer fi..., aber wir schweifen ab. Nachdem sich also sämtliche Angehörige meines näheren Dunstkreises buchstäblich bis zum Slip vor dem Amt ausgezogen hatten, befand selbiges, daß der Beweise noch nicht genug erbracht waren, und kurzerhand wurde die geeignetste Person kontaktiert, die man zur Wahrheitsfindung ausmachen konnte: die Exfrau meines Mitbewohners. Glaubste nich? Is aber so! Glücklicherweise war diese bei guter Laune oder hatte schlichtweg einen adäquaten Johanniskraut-Pegel, der sie etwaige Rachegelüste bezüglich ihres Ex kurzzeitig vergessen ließ, denn sie sagte aus, sie wisse nichts von schweinskramigen Tätigkeiten in besagter Wohngemeinschaft. 24 Stunden später war ich wieder ein begrenzt zahlungsfähiges Mitglied dieser Gesellschaft... Momentan
bin ich in Betreuung, ein Unternehmensberater hat sich im Auftrag
der Arbeitsagentur meiner angenommen. Mein neuer bester Freund hat
die Mission, mich bei meiner geplanten Existenzgründung mit weisen
Ratschlägen zu begleiten. Bei unseren wöchentlichen Sitzungen
erzähle ich ihm von meinem Vorhaben, und er antwortet darauf,
daß ich ihm genauer von meinem Vorhaben erzählen soll.
Neuerdings muß ich Hausaufgaben machen, die dazu dienen, ihm
schriftlich zu erzählen, was ich vorhabe. Außerdem hat
er mich darauf hingewiesen, daß ich menschenunwürdig lebe.
Oh? Ist mir so noch gar nicht aufgefallen...aber eigentlich hat er
recht! Ich kann mir höchstens alle drei Monate neue Schuhe und
nur einmal am Tag Essen leisten! Ich bin nicht in der Lage, zu arbeiten,
denn die Aufrechterhaltung der Bedingungen, zu denen man Geld bekommt,
ist ein Fulltime Job. So werde ich mich dieser Zen-Übung noch
eine Weile hingeben, und vielleicht hört dann auch das Zucken
im rechten Auge wieder auf.
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