... im Sozialstaat  
subKULTur.com
05/06
     


Nun, da mein ungeduldiges Wesen zutiefst geläutert wurde, kann ich berichten von meiner Odyssee und den gar schlimmen Dingen, welche mir in den letzten Ewigkeiten widerfahren sind. Es geschah, daß sich die Konservenvorräte in meiner Höhle dem Ende zuneigten und ich schweren Herzens den Gang zu einer der öffentlich-rechtlichen Geldvergabestellen antrat. So stand ich nun in diesem Dienstleistungsunternehmen namens Arbeitsagentur und erbat ein Almosen zum Zwecke der Ernährung meiner Person, und schon nach kurzer Zeit wußte ich, daß es vorzuziehen gewesen wäre, den Hungertod zu sterben. Doch leider waren meine Daten bereits gespeichert und ich offiziell als Sozialfall betitelt, was summa summarum bedeutete, daß ich meine Seele an den Staat verkauft hatte.

Dabei war "Selbstversorgerin" das eherne Ziel und der Grund meines Anklopfens war die Frage nach einem Startkapital. Doch man bekommt den Einstieg in die Selbstausbeutung nur dann mit finanziert, wenn man bereits Almosen bezieht. Um also aus der Arbeitslosenstatistik rauszufliegen, muß man erstmal reinkommen, also muß man sich arbeitslos melden und Sozialleistungen beziehen, bevor an Existenzgründung zu denken ist.
Nein, ich wollte ja eigentlich gar kein Geld fürs Nichtstun, sondern bot all meine Qualifikationen feil, die allerdings teils stirnrunzelnd, teils milde belächelt oder einfach nur kopfschüttelnd in die Akte aufgenommen wurden. „Germanistik-Studentin ohne Abschlus...? Was kann man denn als sowas?“ - Nun, man weist unter anderem darauf hin, daß Abschluß mit ß, oder, nach neuer Rechtschreibung, mit ss geschrieben wird, außerdem muß es 'so jemand´ heißen, aber ich gehe davon aus, daß Sie dieser Fertigkeit wenig Wert beimessen? - „Nehmen's den Antrag mit, füllen's alles aus, dann kommen's wieder, und mir schaun weiter...“. Hab ich mir gedacht. Also kämpfte ich mich durch diesen Antrag „zur Klärung der Lebensverhältnisse“ und hatte dabei das komische Gefühl, eine Kontaktanzeige aufzusetzen. „Deutsch, ledig, mittellos sucht... Geldgeber?“ Selbstachtung, wo bist du nur geblieben??

Aber bekanntlich wächst man an solchen Aufgaben, und so fütterte ich die bürokratische Bestie trotz mentaler Abwehrreaktionen nach bestem Wissen und Gewissen – eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen, ich habe da ein ganz simples, binäres System: Einkommen: 0. Vermögen: 0. Besitz: 0. Mitbewohner: 1 ... AHA! Genau hier setzten meine Peiniger mit der peinlichen Befragung an. “Sie haben einen Mitbewohner?“ - „Ja. Das nennt man WG oder auch Wohngemeinschaft.“ - „Haben Sie Geschlechtsverkehr mit selbigem?“ - „Wie bitte?“ - "Ist dieser Mitbewohner Ihr Geschlechtspartner?“ - „Haben SIE zuviel Big Brother geschaut?“ - „Nein, sie müssen nur nachweisen, daß Sie in keiner eheähnlichen Gemeinschaft mit diesem Herrn wohnen, andernfalls gehen wir davon aus, daß Ihr Mitbewohner gleichzeitig Ihr Lebenspartner ist und für Sie aufzukommen hat.“ "Wie ähm, wollen Sie vielleicht `n Abstrich machen oder so? ... oder soll er zum DNA Test?"
Ab hier wird’s grotesk. Wie beweist man dem Amt, daß der Austausch in einer WG auf verbaler Ebene stattfindet und Körperflüssigkeiten dabei ausgespart werden? Eigentlich ganz einfach: Man unterschreibe eine Erklärung zur getrennten Haushaltsführung, sammle die Kassenzettel der letzten drei Monate und verfasse zusammen mit dem Mitbewohner einen Aufsatz darüber, daß alle Sekrete bei ihrem Besitzer bleiben. Danach lege man Widerspruch ein, denn die Verlautbarung beider Nichtgeschlechtspartner überzeugt das Amt nicht.

"Wenn er nicht mit Ihnen, dann muß er ja mit einer anderen..." Logisch, Sex ist beim Mann eine staatlich anerkannte Notdurft, also gilt es, plausibel zu erklären, mit wem er diese verrichtet, wenn nicht mit mir. Mit einem Fingerspitzengefühl, mit dem man sonst nur Kondomverpackungen aufreißt, versuchte ich, das Privatleben meines Mitbewohners herauszuhalten. Vergeblich! Zumindest das Arbeitsamt geht davon aus, daß Männer und Frauen in getrennten Wohnblöcken zu halten sind, oder sonst zwanghaft übereinander herfallen.

Doch Küche, Magen und Konto sind immer noch leer. Um also die Soforthilfe in Anspruch nehmen zu können, warte man zwei Monate und dementiere in dieser Zeit alle Unterstellungen, die der Briefträger fast täglich vorbeibringt. Zu guter Letzt unterschreibe man gemeinsam mit seinem Lebensabschnittsgefährten, dem Mitbewohner und dessen Lebensabschnittsgefährtin ein Geständnis, das besagt, daß jeder nur bei, auf und unter demjenigen, bei, auf und unter dem er offiziell darf... So nebenbei hatte der meinige das Glück, selbst mittellos zu sein. Andernfalls hätte er mich aushalten müssen. Wer fi..., aber wir schweifen ab.

Nachdem sich also sämtliche Angehörige meines näheren Dunstkreises buchstäblich bis zum Slip vor dem Amt ausgezogen hatten, befand selbiges, daß der Beweise noch nicht genug erbracht waren, und kurzerhand wurde die geeignetste Person kontaktiert, die man zur Wahrheitsfindung ausmachen konnte: die Exfrau meines Mitbewohners. Glaubste nich? Is aber so! Glücklicherweise war diese bei guter Laune oder hatte schlichtweg einen adäquaten Johanniskraut-Pegel, der sie etwaige Rachegelüste bezüglich ihres Ex kurzzeitig vergessen ließ, denn sie sagte aus, sie wisse nichts von schweinskramigen Tätigkeiten in besagter Wohngemeinschaft. 24 Stunden später war ich wieder ein begrenzt zahlungsfähiges Mitglied dieser Gesellschaft...

Momentan bin ich in Betreuung, ein Unternehmensberater hat sich im Auftrag der Arbeitsagentur meiner angenommen. Mein neuer bester Freund hat die Mission, mich bei meiner geplanten Existenzgründung mit weisen Ratschlägen zu begleiten. Bei unseren wöchentlichen Sitzungen erzähle ich ihm von meinem Vorhaben, und er antwortet darauf, daß ich ihm genauer von meinem Vorhaben erzählen soll. Neuerdings muß ich Hausaufgaben machen, die dazu dienen, ihm schriftlich zu erzählen, was ich vorhabe. Außerdem hat er mich darauf hingewiesen, daß ich menschenunwürdig lebe. Oh? Ist mir so noch gar nicht aufgefallen...aber eigentlich hat er recht! Ich kann mir höchstens alle drei Monate neue Schuhe und nur einmal am Tag Essen leisten! Ich bin nicht in der Lage, zu arbeiten, denn die Aufrechterhaltung der Bedingungen, zu denen man Geld bekommt, ist ein Fulltime Job. So werde ich mich dieser Zen-Übung noch eine Weile hingeben, und vielleicht hört dann auch das Zucken im rechten Auge wieder auf.

Die Stimme aus dem Untergrund