ALLE SCHEINWERFER AUF EINEN  KLICKVon der LP zum MP3
oder
Warum Jammern einfacher ist als Handeln

Früher war alles besser. Da hat man sich im Monat seine 2-3 LPs gekauft, hatte einen Überblick über die aktuellen Neuerscheinungen und musste nicht zu jeder Gefallen hervorrufenden Stilistiken zwanzig Unterkategorien dazulernen. Zudem konnte man in den meisten Fällen davon ausgehen, daß einer Band, deren musikalische Ergüsse über eine Plattenfirma erschienen sind, qualitativ ein gewisser Standard anhaftete. Doch dann kam der große technologische Wandel und die LP wurde zur CD beschnitten und daraus schließlich DVD, Audio-DVD, SACD und MP3 modelliert. Die Speichermedien wurden billiger, die Methoden der Vervielfältigung einfacher und auch auf Musikerseite wurde es, dank sinkender Preise für Musikinstrumente und verbesserter technischer Möglichkeiten von Seiten der Computerindustrie, ein Leichtes, den Markt mit allerlei sinnigen und unsinnigen kreativen Eruptionen zu überschütten. Uns so haben wir anno 2004 einen komplett unübersichtlichen und hoffnungslos überfüllten Markt vor uns, der in minderwertigen Produkten geradezu zu ersticken droht.

Während es vor 20-30 Jahren noch notwendig war, ein Instrument fehlerfrei spielen zu können und ein kleines Vermögen in eine Studioaufnahme zu investieren, um am Ende mit einer Langspielplatte dazustehen, reicht es heute, sich eines von vielen Musikprogrammen auf dem heimischen PC zu installieren. Mit ein wenig Know-how bügelt die Technik nahezu alle menschlichen Unzulänglichkeiten aus und ermöglicht es auch dem unkünstlerischsten Menschen, eine zumindest klanglich hochwertige Produktion als fertige CD-R aus dem Laufwerk zu ziehen. Und wo den meisten Hobby-Muckern vor 20 Jahren noch Geduld und Idealismus gefehlt hätte, den steinigen Weg zur eigenen LP zu gehen, ist es heute ein Leichtes mit keiner Idee ein ganzes Album zu füllen, denn auch wenn die Technik nicht die kreative Arbeit des Musikers übernimmt, so kaschiert sie doch die Einfallslosigkeit allzu vieler Pseudo-Musikanten mit zeitgemäßen, fett tönenden Computersounds. Und die Folge? Mehr Albenproduktionen bedeutet mehr Plattenfirmen und wiederum mehr Veröffentlichungen für ein keinesfalls größer werdendes Publikum, die wachsende Krone des demographische Baums sei Dank.

80.029 neue Tonträger erschienen 2003 auf dem deutschen Tonträgermarkt, wobei die eigentliche Zahl fast doppelt so hoch geschätzt wird, da viele kleinere Veröffentlichungen und Importe nicht erfasst wurden . Im Vergleich zum Vorjahr sprechen wir hier von einer hundertprozentigen Vervielfachungsrate! Im Gegensatz dazu werden die großen Firmen immer zurückhaltender und veröffentlichen mit jedem Jahr weniger Alben. Schlichtweg weil sie kaum noch ein Risiko eingehen wollen und sich davor scheuen, neue Talente langfristig aufzubauen, da dies ein finanziell kaum zu kalkulierendes Risiko ist. Und wenn man sich vor Augen führt, daß eine erfolgreiche CD neun weniger erfolgreichere Produkte mitfinanziert, lässt sich dies durchaus nachvollziehen. Gestiegen sind die Veröffentlichungen hingegen von Seiten der Independent-Labels, was vom Betrieb mit mehreren Dutzend Angestellten bis hin zum Ein-Mann-Wohnzimmer Unternehmen alles umfasst. Da es in diesem Bereich kaum mehr üblich ist, den Bands Vorschüsse oder Studioproduktionen zu zahlen, wächst der Berg an billigen Veröffentlichungen.

Billig heißt in dem Fall schlichtweg, von der Band (in bereits beschriebener Form) am heimischen Rechner produziert oder aber mit dem wenigen Gesparten der Bandmitglieder unter enormen Zeitdruck in einem Studio aufgenommen. So wird vor allem im Underground der Markt mit zahlreichen qualitativ minderwertigen Bands und Produkten zugeschissen und man wartet geduldig ab, was davon letztendlich an der Wand kleben bleibt und eine erwähnenswerte Investition rechtfertigt. Während es noch vor zehn Jahren für jede Band etwas Besonderes war, das erste eigene Demo aufzunehmen und zu veröffentlichen, muss sich heutzutage jede Band ohne (zumindest ein Kleinst-)Label und eigener CD in Rücken schon fast minderwertig vorkommen. Entsprechend wird auch von den Plattenfirmen kaum noch auf Qualität geachtet, denn anders ist es nicht zu erklären, daß ein Album nach dem anderen (in nicht selten dürftiger Demoqualität!) auf den Markt geworfen wird. In vielen Fällen macht man sich nicht mal die Mühe mit einem schönen Artwork den Schein der Professionalität zu wahren.

Wenn es schon immer einfacher wird, Musik zu produzieren, begnügen sich natürlich auch die wenigsten Musiker noch mit einem Projekt und jeder Künstler, der ernsthaft etwas auf sich hält, hat mindestens ein Seiten- und ein Solo-Projekt neben der Hauptband am Start. Wenn die musikalischen Ergüsse dies mit ihrer stilistischen Unvereinbarkeit rechtfertigen würden, wäre dies auch nicht weiter schlimm, denn bekanntlich tun Qualität und Innovation immer Not, aber in den meisten Fällen handelt es sich dann doch nur um einen leichtfertigen Abklatsch der Hauptband mit Songs, die scheinbar zwischen Frühstück und der Morgendusche entstanden sind.

Auch die großen Majors machen es nicht besser, denn sie setzen lieber auf Konserven-Hits und die Kraft des Fernsehens in der Fliessbandherstellung neuer Superstars. Während Bands wie Pink Floyd und mit ihnen viele Labelvertreter in den 70er Jahren noch von ihrer Unkonventionalität und einer langfristigen Entwicklung lebten, wird heute alles wegrationalisiert, was aus der Reihe tanzt oder nicht in den aktuellen Trend passt. Ein Künstler muss sofort ein Vielfaches der Produktion wieder einspielen, ansonsten gilt er als Flop. Der künstlerische Wert wird in nackten Verkaufszahlen gemessen und daß sich bei sinkenden Verkaufszahlen auch gerne mal ein „Künstler“ von seinen Egotrips hin zu massenverträglicher Einheitsware „überreden“ lässt, ist ganz selbstverständlich.

Natürlich hat dieser Wertverfall auf Seiten der Künstler und der Industrie auch Auswirkungen auf den geneigten Konsumenten, denn wenn es schon für den Musiker nichts Besonderes mehr ist, eine Platte aufzunehmen, wieso dann für den Käufer, sie auf legalem Wege zu erwerben?! Und so brennt die Meute munter wie die Pyromanen und duplizierte sich 2003 mit immer höher werdenden Brenngeschwindigkeiten 350 Millionen Privatkopien auf sogenannte CD-Rohlinge. Auch die ca. 600 Millionen Downloads von Songs aus dem Internet ließ der Musikindustrie kaum einen Grund zu Lachen. Da wird geschimpft und verklagt was das Zeug hält und angesichts von insgesamt 183,2 Millionen verkauften Tonträgern in Deutschland 2003 völlig zurecht, oder? Immerhin bedeutete dies einen gesunkenen Gesamtumsatz von 19,8% zum Vorjahr und um 40% zum Jahr 1997. Der durchschnittliche Tonträger Pro-Kopf-Verbrauch eines der Norm entsprechenden Bundesdeutschen liegt dabei bei gerade mal 19,98 Euro, also zwei CDs pro Jahr wenn man es geschickt anstellt, während dem in etwa vier von jedem Durchschnittsbürger illegal kopierte Tonträger gegenüber stehen. So geht das.

Besonders ärgerlich ist dies angesichts der steigenden Nachfrage nach Musik und wenn dafür noch 1.600 Mitarbeiter großer Firmen ihre Stellen einbüßen müssen .... schlimm, schlimm... aber nun ja. 1.600 Stellen sind angesichts der immensen Wirtschaftsflaute des Landes zwar nicht mehr als ein Sandkorn am Strand und 1,648 Milliarden (!) Umsatz klingen für den gemeinen Studenten, der von seinen paar Kröten im Monat schlappe 17-18 Euro pro CD ausgeben soll, auch nicht schlecht. Aber es jammert sich eben doch am besten, wenn man schon mal mehr hatte, denn aufrüsten ist leicht, abspecken hingegen nicht. Wie bringt man also die musikliebenden Studenten wieder von ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Brennen, ab? Richtig, man verbietet es. Das macht der Gesetzgeber aber so nicht mit, also erschwert man es. Klappt aber auch nicht, da es bekanntlich immer Mittel und Wege gibt, und die Zahl der Schwarzbrenner weiter steigt. Deshalb setzt man nun auf Abschreckung und verklagt besonders schlimme Finger exemplarisch. Stört aber genauso wenig jemanden wie die mitleidserregenden Appelle der Musiker und der Musikindustrie, denn die Gefahr erwischt zu werden, ist nicht wesentlich größer als die eines Sechsers im Lotto und wahlweise das Dahinsiechen durch einen Blitzeinschlag.

Und als nächstes? Musik so schlecht produzieren, daß sie keiner mehr brennen will oder doch allen Menschen einen Chip einpflanzen, der beim Brennvorgang züchtigende Stromschläge verteilt oder vielleicht gar Internet und Computer allgemein illegalisieren und wieder zurück zum Phonographen?! Die Industrie wird sich schon etwas Nettes ausdenken. Dabei gäbe es ja durchaus vernünftige Ansätze, die teilweise bereits Praxis sind, wie Zusatzfeatures (DVDs, Multimediaparts und Videoclips) auf CDs zu integrieren, die Verpackung aufzuwerten, die Preise zu senken oder einfach mal wieder Künstler langfristig aufbauen, die auch so richtig zeitlose Alben veröffentlichen, die man sich überhaupt nicht brennen will.

Stattdessen werden lieber weiter Sternchen statt echter Stars gecastet und ein Wegwerfhit nach dem anderen produziert bzw. am besten gleich gar nichts mehr in eine Band investiert, wie im Independent-Bereich häufig der Fall. Auf Künstler- und Industrieseite scheint auch kaum jemandem aufgefallen zu sein, daß man mit DVDs mittlerweile richtig gut Asche machen kann (um mal bei der Brennmetaphorik zu bleiben..:-), denn der Absatz von DVDs stieg von 2002 auf 2003 immerhin um satte 47,5%, was 7,9 Millionen verkauften Exemplaren entspricht. Na, da leckt man sich doch gerne mal die Finger, oder liebe milliardenschwere Musikindustrie?

Bisher gibt es zwar einen riesigen Berg an Live-DVDs und Videoclip-Hit-Compilations, aber auf eine komplette visuelle Umsetzung ihrer Audio-Tonkonstrukte sind bisher nur wenige Musikanten gekommen. Hier läge auch eine Möglichkeit der Trennung von Spreu und Weizen, denn während künstlerisch ambitionierte Musiker mit der entsprechenden Lobby der Erschaffung von einem Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton (im Idealfall natürlich 5:1 gemischt) früher oder später ganz natürlich verfallen werden, wird das Interesse an billigen Stereo-Heimproduktionen ohne Kreativität und Ideen im gleichen Maße sinken wie an Wegwerfhits ohne Sinn und Tiefe. Nicht weil der gemeine Durchschnitthörer da einen qualitativen Unterschied erkennt, sondern schlichtweg weil er immer das nimmt, wo mehr drin ist. Aber dem ambitionierten Künstler soll es recht sein. Zwar sind im Moment noch 79% aller verkauften Tonträger CDs, aber daß sich dieses Verhältnis in den nächsten Monaten und Jahren rapide ändern wird, dürfte klar sein, denn die Leute verlangen mittlerweile mehr als eine lieblose CD mit einfallslosem 4-Seiten-Booklet für ihre hartverdienten Euro.

Im gleichen Maße ist davon auszugehen, daß das Internet als Handelsplattform weiter an Wichtigkeit gewinnt. Das ist zwar für den sein Booklet ebenso sehr wie sein musikalisches Gesamtwerk (ergo nicht nur den Hit!) liebenden Künstler fatal, da er die Kontrolle über die Verbreitungsform seines Werk abgibt und davon ausgehen muss, daß immer mehr Leute sich nur noch ausgewählte Lieder herunterladen. Aber wer gewieft ist, wird schon neue Wege finden. Die Künstler sind dann gezwungen, wieder mehr Killer statt Filler zu produzieren, denn gute Musik setzt sich bekanntlich immer durch.

Videotracks statt MP3s wären ein weiteres Beispiel wie der ambitionierte Musiker dann seinem Hörer auch weiterhin die Optik seiner Musik mit auf den Rechner liefern kann, denn die enthalten die zusätzlichen Infos und die nötige Optik einfach im Multimediateil. Genauso wären komplette Alben als gepackte Gesamtdatei anstelle von einzelnen Hits denkbar, was in Zeiten von zehntausendfacher DSL-Geschwindigkeiten keinesfalls abwegig erscheint. Doch soweit ist die Industrie natürlich noch lange nicht, denn diese starrt weiterhin zittrig auf das Abflauen der Verkaufszahlen im traditionellen CD-Laden und verteufelt alles, was mit elektronischem Musiktransfer zu hat, es sei denn es sind vollkommen überteuerte und schlecht sortierte Internet-Plattformen von der Industrie selbst, auf denen jedoch nur ganz Dumme ihre Musik beziehen. Natürlich ist nicht davon auszugehen, daß die Zahlen der Veröffentlichungen in Zeiten des Internets und des Allround-Heim-PCs noch einmal sinken werden, doch außergewöhnliche Alben werden sicher auch in Zukunft ihrer Hörer finden. Schlichtweg weil sie sich selbst verbreiten durch die Mund-zu-Mund-Propaganda begeisterter Hörer. Und all der Müll lagert dann eben auf den Festplatten zahlreicher Server ohne daß jemals jemand davon Notiz nehmen wird, was ja auch irgendwie beruhigend ist. Denn nur jene, die ihre Kunst wirklich lieben, werden sich die Mühe machen, sie im entsprechenden Rahmen zu verbreiten und gegen die Hochglanzkampagnen der großen Major-Firmen anzustinken.

Vor uns steht also eine Welt voller Möglichkeiten. Und so steht es jedem frei, weiterhin vor seinen alten LPs zu sitzen und in Nostalgie ob der früheren Einfachheit zu versinken oder sich die neuen Medien einfach zu nutze zu machen und sich nicht jeden Müll als neues, superinnovatives Hochglanzprodukt verkaufen zu lassen. Wir sind doch nicht blöd...

Sascha Blach

(Zahlenquelle: Jahreswirtschaftsbericht der IFPI 2003)

 

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Mai 2004