SCHEINWERFER: Zunahmi zu Weihnachten

 

www.subkultur.com
KOLUMNE
12/ 2004
 

Ja, es geht mir an die Nieren. Warum weiß ich nicht. Letztes Jahr um dieses Zeit hat es auch gerumpelt, es gab mehr Tote (was nicht ist, kann in diesem Fall leider noch werden) und es ging an mir vorbei. >> Das Leid in der Welt hat es aber diesmal geschafft, zu mir vor- und in mich einzudringen

Rückblendung. In der Nacht zum Sonntag, den 26.12.2004 wurde ein Seebeben mit der Stärke 8,9 (zur Veranschaulichung: mehr als der Jahresenergieverbrauch der USA) im Indischen Ozean gemessen. In Folge dessen überfluteten ca. eine Stunde später schwerste Tsunami weite Teile Südasiens. Betroffen sind Sri Lanka, Thailand, Indonesien, Südindien, Bangladesch, die Malediven und Malaysia.

Zum Teil also Urlaubsgegenden. Mittlerweile wissen wir, daß auch Deutsche und andere Erstweltler betroffen sind, somit besteht natürlich auch ein Interesse an Information. Außerdem war exBundeskanzler Kohl, so N24, live dabei, sei aber nicht zu Schaden gekommen. Mindestens drei Germanen befinden sich unter den dreiundzwanzigtausend Toten, heißt es zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen

Einblendung. Tsunami sind Flutwellen, die aus der Tiefe des Meeres kommen, im Gegensatz zu "normalen Wellen", deshalb haben sie auch, wenn sie auf Küsten treffen , eine andere Gewalt, jenseits dessen, was Wind mit Wasser anstellen kann. Zudem kommen sie scheinbar aus dem Nichts, da sie durch Beben und Erdrutsche auf dem Meeresgrund entstehen. Auf hoher See sind die Flutwellen nicht größer als zwei oder drei Meter und werden von Schiffsbesatzungen kaum wahrgenommen. Der Abstand zwischen den Wellenkämmen kann bis zu 100 Kilometer betragen. Wird der Meeresboden flacher, bremst er die Welle aus, sie türmt sich zu einer Wasserwand auf, die an der Küste -zig Meter hoch sein kann. Ihre Kraft ist verheerend.

Rückblendung. 1992 starben durch Tsunami mehr als 2.000 Menschen in Indonesien. 1883 spuckte der indonesische Vulkan Krakatau 18 Kubikkilometer Bims und Asche und verursachte dadurch Flutwellen, in denen mehr als 35.000 Menschen umkamen. >> Am Freitag, den 17. Juli 1998 ereignete sich rund 25 Kilometer vor der Nordküste Neuguineas ein heftiges Erdbeben, das eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala erreichte. Es löste einen Tsunami aus, der knapp eine halbe Stunde nach dem Beben auf die Nordküste Neuguineas traf und drei Dörfer zerstörte. Wahrscheinlich kamen bis zu 2000 Menschen in den Fluten ums Leben. Der Tsunami soll eine Wellenhöhe von 10 m Metern erreicht haben. Seine Zerstörungen an der flachen Küste reichten stellenweise bis zwei Kilometer landeinwärts. >>

Der Tsunami und vor allem sein Zerstörungspotential ist also bekannt, auch wenn bislang noch keiner einen solchen dokumentieren konnte. Zwei Fragen stellen sich dem terrorverängstigten Mitteleuropäer in mir. Erstens: Was ist in jenen sechzig bis neunzig Minuten geschehen, die zwischen dem Beben und dem Auftreffen der Wellen verstrichen sind? Zweitens: Wieso muß ich, wegen dieser Tragödie, nicht betroffen sein, warum sagt keiner meiner gewählten Repräsentanten: "In diesem Augenblick sind wir alle Südostasier" oder "Indonesier"?
Ich, bzw. mein Bauch möchte ein paar Antworten darauf anbieten.

Zu Erstens:
Wie die NachrichtenWebseiten verkünden, gibt es kein entsprechendes Frühwarnsystem für Tsunami im Indischen Ozean. Im Pazifischen Ozean sei dies längst Alltag. Das klingt sehr hochtrabend, heißt aber nur, daß die entsprechenden Institutionen das Beben registriert hatten, jedoch nicht wußten, wen sie anrufen sollten. Sie konnten zwar in Echtzeit alle Medien weltweit über den Vorfall exakt unterrichten, waren aber nicht in der Lage, die nun betroffenen Gebiete vor dem, was unweigerlich kommt, zu warnen. Erschütternd ist diese Tatsache gerade im Blick auf Indonesien, die der statistischen Erhebung, so etwas passiere etwa alle 700 Jahre, eine erschütternde Bilanz vorzuweisen haben. Indonesien hat, allein rückblickend 2004, sicherlich schon viel Übung im Müllwegräumen und Leute verscharren... Warum, das ist auf den einschlägigen Webseiten nachzulesen.

Wenn wir im Stande sind, in nur ein paar Minuten ein Stadion mit 70 000 Menschen wegen einer Bombendrohung zu räumen (so geschehen in >>Madrid), hätte in besagter Stunde, die Zeit war, das Menschenmeer sich bequem ein paar 100 Meter zurückziehen können. Die Menschheit wähnt sich in der Lage, so etwas zu organisieren. Und es wäre auch ihre Pflicht, so etwas zu tun.

Ich denke, daß es einen Zusammenhang gibt, zwischen allgemeiner Bevölkerungsdichte und Entwicklungsstand... die Herausforderungen einer Spezies steigen mit der Anzahl der ihr angehörigen Individuen... oder, wenn man ihnen die Individualität abspricht, mit der Größe der Population. Wird diese Anzahl zu groß, oder steigt sie schneller, als die Spezies sich in der Bewältigung dieser Expandierungsprobleme entwickelt, stirbt die Spezies aus, oder die Population schrumpft. Und so haben wir, die wir ja vernunftbegabt sind, gelernt, mit zweierlei Maß zu Messen, mindestens. Hier in Einheimische und Urlauber. Die Welt ist diesbezüglich sogar dreigeteilt. Ein Mensch der ersten ist mehr Wert als ein Mensch der zweiten ist mehr Wert als ein ...

Zu zweitens:
Das nicht stattfindende BuhlSpektakel um meine Tränen, oder das mit der Anzahl der betroffenen Landsleute ansteigende kollektive Interesse an dieser Tragödie, in Echtzeit meßbar durch die Anzahl der WerbeEinblendungen in den Sonderberichten, ist nichts Neues. Wir verstecken uns sehr gern vor der Tatsache, daß es in unserem Wertesystem gute und schlechte Tote gibt, daß wir Betroffenheit zu unseren moralischen Tugenden zählen, ebenso Traueredikette, Schweigen und Tränen zu besonderen, uns betreffenden Anlässen. Was uns betrifft, bestimmen jedoch nicht wir selbst, sondern unsere Medien und die Interessengemeinschaften um die kollektive Kaufkraft und die Manipulation der Massen.

Bleibt jene Ohnmacht vor der Ungeheuerlichkeit solcher Ereignisse, die sich, in diesem Fall, nicht mal um unsere Kirchengründungsfeiertage scheren und uns doch tatsächlich in die Nachwehen der Maria platzen... Das verstärkt die Schuld dieser Tsunami um ein Mehrfaches. Ihnen ist nichts heilig, sie machen zudem weder vor Frauen noch vor Kindern halt. Und deshalb sollten wir uns verbünden und die Regionen, wo diese Wellen des Bösen auftreten, genauestens überwachen, so wie wir es mit dem Rest der Welt eh schon tun. Dieses Vorwarnsystem muß her, schnellstens, damit wir wieder reinen Gewissens unsere alten, frustrierten, reichen Säcke zum Vögeln nach Thailand schicken können und auf den Resten der Malediven nächstes Jahr wieder blauweiße Weihnachten für 2500 € drin sind --- also auch in Sri Lanka wieder "Zunahmi" zu Weihnachten, global, umsatztechnisch und allumfänglich.

Für die paar anderen ist die Frage aller Fragen immer noch: Woher kommt das Leid auf dieser Welt? Und erst wenn die Suche nach der Antwort eines jeden Weg ist, oder zumindest mit einschließt, werden wir bemerken, daß es dann weniger wird, wenn wir das Leid in uns selbst besiegen, und das geschieht nicht, wenn wir jetzt die angebissenen Weihnachtsmänner wieder einwickeln und nach Indonesien schicken, das geschieht auch nicht, wenn wir in den betroffenen, noch nicht, oder nicht mehr am Tropf erstweltlerischer Interessen hängenden Regionen ein paar Telefone aufstellen und ein paar Leute ausbilden, die sie bedienen können. Das wäre aber ein Anfang, wenn jedwede Hilfe ohne Egoismus erfolge, wenn daraus nichtmal über drei Ecken ein neueres wirtschaftliches Interesse erwüchse. Denn bekanntlich kommen dorthin, wo ein weißer Mann einmal gestorben ist, so viele weiße Männer, wie Sterne am Himmel sind...

Thomas Manegold
Foto: Massengrab in Indien von www.N-TV.de

 

 

 
   
     
  (c) subKULTur 2004 - nach hause - inhalt - scheinwerfer - 12/ 2004