SCHEINWERFER: Hühnerhusten, Putenschnupfen |
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www.subkultur.com KOLUMNE 01/ 2006 |
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| Das Medienspektakel Vogelgrippe ist ein Spiel mit der Angst vor einem Dämon, den niemand so richtig kennt. Experten werden befragt und antworten auf die wirklich brisanten Fragen zwangsläufig mit verbalen Mutationen einer einzigen Antwort: "Ich habe keine Ahnung". Trotzdem sind geflügelschlachtende Schutzmaskenmänner immer für eine Meldung gut und die momentan rasante Ausbreitung der Krankheit in der Türkei spricht eine deutliche Sprache.
Erstmals brach die Vogelgrippe in der gerade aktuellen, heftigen und tödlichen Form 1997 in Hongkong aus. Der Erregervirus A/H5N1 hat zudem, und das gilt inzwischen zweifelsfrei, die Arten- Bariere überschritten und ist auf den Menschen übertragbar. Lediglich eine Ansteckung von Mensch zu Mensch konnte bislang noch nicht nachgewiesen werden. Der hauptsächliche Ansteckungsherd ist deshalb immer noch der direkte Kontakt mit Nutzgeflügel, mit seinem Kot im Zuge der Haltung und mit seinem Blut während der Schlachtung. Das Vogelgrippe Virus scheint zudem gegen das Grippemittel Oseltamivir, auch bekannt als Tamiflu, Resistenzen zu entwickeln. Bereits um die Weihnachtszeit 2005 gab es in den Medien verschiedene Mutationen von ein und der selben >>Meldung, die zumindest an der generellen Wirksamkeit des Mittels zweifeln läßt. Während einerseits nach einem neuen Grippemittel für Menschen gerufen wird, warnt die WHO vor Impfungen von Tieren, weil bereits infizierte Tiere dadurch keine Symptome zeigten und so nicht mehr erkennbar sind. Denn auch 2006 ist die Tötung des gesamten Bestandes im weiten Umkreis, bei auch nur einem Fall, die einzige wirksame Maßnahme gegen eine weitere Verbreitung. Mit der Tötung von schätzungsweise 1,5 Millionen Hühnern wurde der erste Ausbruch im Frühjar 1997 in Hongkong unter Kontrolle gebracht. Es bleibt eine Ermessensfrage, ob man es als Erfolg ansehen kann, wenn man den Virus eindämmt, indem man seine Wirte ausrottet. Besiegt hatte man A/H5N1 nicht, denn im Jahr 2003 wurden erneut Erkrankungen nachgewiesen. Die Massenschlachtungen in Hong Kong hatten jedoch keinen längerfristigen Erfolg, da die Vogelgrippe sich zeitgleich in China und wenig später auch in Tibet ausbreitete. Während einst der Transport kranker Hühner für eine Verbreitung sorgte, sind anno 2005 auch Zugvögel und andere wildlebende Vogelarten Überträger der Seuche. Erste Berichte von toten Zugvögeln kamen im Frühjahr 2005 aus China. Bis dahin wurden wildlebende Vögel nur als Trägertiere in Betracht gezogen, die selten und nur mit sehr verhaltenen Symptomen erkrankten. Ebenfalls in China wurde erstmals der Erreger auch bei Schweinen festgestellt. Mittlerweile mutet besagte erste Massentötung als Testlauf an, denn die Anzahl der Vögel, die im Zusammenhang mit A/H5N1 prophylaktisch getötet wurden, geht längst in die dreistelligen Millionen... Die Übertragung auf den Menschen und der oft tödliche Verlauf der Krankheit wurde anfangs, auf dem Wege von Fernost in unsere Medienlandschaft, nur zu einem Gerücht. Das hat sich inzwischen geändert, es gilt als nachgewiesen, daß sich Menschen im unmittelbaren Kontakt mit infizierten Tieren anstecken können. Ca. 50% der regisitrierten, an Vogelgrippe erkrankten Menschen starben. Das sich Menschen bislang untereinander anstecken können, wird ausgeschlossen, denn die Zahl der bekannten Krankheitsfälle ist dafür zu gering. Dennoch warnen Experten vor einer eventuellen Kreuzung des Vogelgrippe Virus mit einem Erreger einer Humangrippe. Das kann theoretisch geschehen, wenn sich ein Mensch mit beiden Viren infiziert. Diese Theorie wird auch für eine Erklärung der Spanischen Grippe Pandemie im Jahre 1918 herangezogen. Im Jahr 2003 konnte bestätigt werden, daß das Virus, welches man posthum von Opfern isolieren konnte, von einem Vogelgrippevirus abstammte. Die Spanische Grippe hatte weltweit in nur wenigen Monaten mehr Tote gefordert, als der erst kurz davor beendete erste Weltkrieg oder auch die schwarze Pest im Mittelalter innerhalb von vier Jahren. Damit sind wir beim Grund jener Hysteria angekommen, der im Nachplappern untergeht. Trotz rigoroser Maßnahmen, die bei Massentötung anfingen und nun bei Freihaltungsverbot, massiven Grenzkontrollen, Einfuhrverboten und multimedialen Aufklärungskampagnen in den betroffenen Gebieten angekommen sind, und erst mit Hafenschließungen und Ausgangsverboten enden würden, schwebt eine Gefahr im Raum, der, so hat man zumindest den Eindruck, besonnen und souverän entgegengewirkt wird. Allein die Ursache der pandemische Zuspitzung, ist menschgemacht, denn Herd und Brutstätte des aggressiven Virus sind ein falscher Umgang mit Tieren, der im kleinen Rahmen zwar funktionierte, aber in der gewinnmaximierten Größenordnung und innerhalb eines Global Village eben verheerend sein kann. Aus den Hühnern unterm Küchentisch sind Nutzviehzentren mit unzumutbaren Haltungsbedingungen und Märkte mit unverhältnismäßigen Hygienevorstellungen geworden. Allerdings können wir Deutschen uns nur damit brüsten, daß wir in der Lage sind, die unzumutbar gehaltenen Viecher hermetisch abzuriegeln. Die Hallen, in denen nun die Vögel zu Zehntausenden in ihrer eigenen Scheiße stehend, warten, bis der Spuk vorbei ist, sind bei aller Vorsicht und Tonnen von Antibiotika, riesige Kontaminierungszentren. Wer nicht im Hühnerkot wühlt und den Hühnern nicht die Köpfe abhackt, wird sich heute in unseren Breiten sicher noch nicht anstecken und er kann die abgehackten Köpfe nicht an die Schweine verfüttern. Aber er kann der erste sein, der sich an Eierschalen oder unzureichend erhitzten Geflügelprodukten ansteckt. Auch für Leute, die einfach nur mal Erster sein wollen, die sich sonst bei CastingShows und Minderbemitteltengelaber an der Kasse anstellen, wäre das ein zweifelhafter Ruhm. So ist es einmal mehr den "radikalen" Tierschützern vergönnt, die Gelegenheit bei Schopfe zu packen und fleißig Horrorszenarien zu entwerfen, die uns zwar allgegenwärtig bedrohen, jedoch nur im Angesicht solch konkreter Bilder, auf fruchtbaren Boden fallen. Der echte Horror (FSK 21) geschieht ohnehin jeden Tag und ist nur deshalb möglich, weil der Endverbraucher von tierischen Produkten von deren Entstehung vollkommen entkoppelt ist. Wir geben Schweinen die Reste ihrer eigenen Verwandtschaft zu fressen, wir kuttern kranke Schafe zu Brei und verfütter(te)n diesen an Rinder... und die Rinder wiederum an Unseresgleichen... wir haben den Weg vom Küken zum halben "Broiler" oder "Hendl" zeitlich auf zwei Monate verkürzt und voll automatisiert. Kein Tier scheißt freiwillig in sein Essen, wir dagegen schütten zu unseren Fäkalien noch Öl und Schwermetalle und werfen auf der einen Seite die Netze aus, wenn wir auf der anderen Seite ganze Müllhalden verklappen... Wie sich die Bilder gleichen... wenn eine Frau aus den türkischen betroffenen Gebieten vor laufender Kamera erzählt, daß sie die toten Vögel in den Fluß werfen und keine Hühner mehr essen, sondern lieber Fisch... wie sich der Gedanke aufdrängt, daß uns einfach nicht mehr zu helfen ist... |
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