SCHEINWERFER: Alle gegen Alle

 

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KOLUMNE
07/ 2006
 
 

Israel hat erneut einen Krieg mit dem Libanon begonnen. Und niemand scheint damit ein Problem zu haben. Wir befinden uns in den Nachwehen der Fußball WM, Angela und George holen ihre Teenager- Neckereien in Stralsund nach und auch sonst sind alle offensichtlich müde, wenn es um die Konflikte im Nahen Osten geht. Inzwischen sterben Zivilisten (was sie ja dort unten eigentlich immer tun) und es wird durch die Israelische Armee gezielt Infrastruktur im Libanon zerstört. Das ruft natürlich die Demokraten dieser Welt auf den Plan, denn Infrastruktur kann man doch noch gebrauchen, wenn man das Land und seine Kultur in die große Gesellschaft der globalkapialgesteuerten Zivilisationen eingemeindet hat.

Also hat auch unser Außenminister notgedrungen eine Erklärung abgegeben, in der er dazu anregte, doch mal über die Verhältnismäßigkeit der Aktivitäten nachzudenken... Schon die erste Ballerei auf Wohnhäuser, Palästinenserlager und Flughafenlandebahnen war dann auch Anlaß genug, die Ölpreise ein wenig zu korrigieren... Das ist natürlich ärgerlich und bringt uns in die Zwickmühle... denn wer deutsch ist und ISRAEL kritisiert, gilt bekanntlich automatisch als ein Nazi und tendenziell als ein Leugner des Holocaust... Der Holocaust, und damit ist hier die organisierte Vernichtung der Juden im zweiten Weltkrieg gemeint, rechtfertigt weder diesen Krieg, noch rechtfertigt er die offensichtliche Narrenfreiheit, mit der Israel (und eben nicht das jüdische Volk) hier agieren kann. Er rechtfertigt auch nicht das Schweigen der Mehrheit. Dieses Schweigen hatte einst den Holocaust ermöglicht und es ermöglicht heute, daß (nicht nur) die israelische Regierung ihre Gegner vollkommen offiziell im Ausland liquidiert. Dieses Schweigen, und sei es auch nur aus Angst vor Terror und vor Leuten, die nichts mehr zu verlieren haben, legitimiert den amerikanischen Präventivkrieg ebenso, wie den israelischen Rundumschlag und somit auch den kontrollierten Völkermord aus wirtschaftlichen oder territorialen Interessen.

Wie bereits in unserem Forum treffend bemerkt wurde, haben wir hier ein Wahrnehmungsproblem: Wer Israel kritisiert, ist nicht automatisch antisemitisch. Wie hirnverbrannt dieses Weltbild ist, bemerken wir erst, wenn wir in diesen allgemein akzeptierten Zusammenhang einmal unverfängliche Faktoren einsetzen: Wer beispielsweise gegen die konservativen Ansichten des Papstes "zu Felde zieht", sucht doch auch vornehmlich die verbale und inhaltliche Auseinandersetzung, anstatt, bis an die Zähne bewaffnet, auf winkende alte Männer zu schießen... Wer gegen Russlands Politik ist, ist auch nicht automatisch ein Feind des russischen Volkes. Das liegt aber daran, daß es eben keine russische Religion gibt. Auch wenn in manchen Ländern, so wie (früher) in Deutschland oder in Spanien und Italien, sich die Mehrheit einer Religion zugehörig fühlt, so ist das immer noch ein großer Unterschied zum Judentum, denn ein Jude ist sowohl ein Angehöriger des jüdischen Volkes, als auch ein Angehöriger der jüdischen Religion. Damit ist das Ganze weder von ihm selbst, noch von außen zu trennen oder zu unterscheiden. Volk und Religion sind in dem Bild, was wir von Israel haben und was Israel auch von sich malt, eine Einheit. Daß das nicht generell für alle Bewohner des Landes Israel gilt, wird dabei sehr oft vergessen. Daß längst nicht alle Juden die aggressive Politik des Staates Israel befürworten, wird sehr oft übersehen. Nicht zuletzt dürfte die israelische Regierung auch kein Interesse daran haben, daß dieses Bild öffentlich wird. Genau hier beginnt der verklemmte Umgang mit diesem Thema. Und er endet mit der Erkenntnis, daß jede chauvinistische Angriffsmentalität nur dann funktioniert, wenn man der Kritik vorbeugt. Meinungsbildung durch Angst, Medienmanipulation, Propaganda. Das amerikanische "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" ist da nicht weit von diesem "Wer uns kritisiert, ist antisemitisch"entfernt und beides hat schon zu erstaunlichen verbalen Verrenkungen geführt, wenn Einzelgänger sich der verordneten Meinung nicht beugen wollten, ohne sich den Mund zu verbrennen.

Ich kann hier nur für mich allein sprechen. Ich bin kein Christ und kann doch in einem christlich zivilisierten Land leben. Ich liebe dieses Land, auch wenn seine Regierung immer noch offiziell in gute und schlechte Tote zu separieren scheint und ihre finanziellen Interessen hinter humanitär verklärten Wischi- Waschi Parolen versteckt. Jaja, wir sind bestürzt... So, wie wir andere gemeinsam in einen Sack stecken, werden auch wir als Kollektiv wahrgenommen. Solange sich unser Kollektiv so eine Meinung leistet, wie sie Steinmeier in unserem Namen verlautbart hat, spielt es leichtfertig mit der Gefahr, daß dieser Krieg auch zu ihm nach Hause kommt. Ich denke, daß der Holocaust schon für sehr viel herhalten mußte. Wenn die Deutschen wirklich etwas daraus gelernt haben, dann sollte er vor allem ein Grund sein, nicht zu schweigen.

Das Schmusen mit George W. Bush in der Öffentlichkeit und die vehemente Weigerung, im Naostkonflikt Farbe zu bekennen, sind allerdings Gründe, sich zu schämen. Israel ist ein Staat, der einem einst zweifellos geschundenen Volk ohne Raum zugesprochen wurde, ohne das man die dort ansässigen Palästinenser vorher gefragt hatte. Das jüdische Volk gehört nicht nur mehrheitlich der jüdischen Religion an, sondern definiert sich allumfassend über diese Religion, die seine Angehörigen schlußendlich zum Herrenvolk macht. Diese Illusion, besser zu sein und eine biblische Daseinsberechtigung durchsetzen zu müssen, heizt den Konflikt mehr an, als jede noch so realitätsferne Provokation der Hisbollah. Israel proklamiert und verkörpert jüdischen Chauvinismus pur, indem es seine Interessen mit allen Mitteln durchsetzt, eben auch mit militärischen Mitteln und mit den Mechanismen seiner Religion.

Selbst die Tatsache, daß sich die Palästinenser mehrheitlich durch die demokratisch gewählte Hamas vertreten fühlen, wird weltweit ignoriert Stattdessen wird mit dem Einfrieren der Unterstützungszahlungen signalisiert, daß der Welt nicht gefällt, was gewählt wurde. Demokratie funktioniert also nur nach "unseren" Spielregeln. Daß in Gaza kürzlich ein israelischer Soldat von Palästinensern gefangen wurde, hat "die Welt" protestieren lassen. Daß Zehntausende palästinensischer Gefangener in israelischen Haftanstalten für viele Jahre und nach ihrem Rechtsempfinden zu Unrecht sitzen, kümmert niemanden in der westlichen Welt. Sicher ist die Entführung der zwei Israelis durch die Hisbollah keine Verzweiflungstat, sondern eine kalkulierte Provokation. Sie rechtfertigt aber noch lange keine Bomben über Beirut.

Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er funktioniert nur, wenn sich Menschen in Gruppen zusammenrotten und sich konditionieren lassen. Menschen schließen dann, weil sie es sich selbst ja vorleben, sehr einfach von Individuen auf Gruppen und von Staaten auf Völker. Diese verheerenden Irrtümer funktionieren auch umgekehrt. Würden wir uns diesem Mechanismus verweigern, gäbe es keinen Krieg (aber auch kein internationales Fußballturnier).

Auch wenn es in der Auseinandersetzung zwischen Israel, den Palästinensern und der arabischen Welt um viel mehr, als um Land geht, auch wenn mit Gewalt und Grausamkeiten auf beiden Seiten nicht gegeizt wird, so ist dieser Krieg ein erneutes Schießen mit Kanonen auf Spatzen, wobei man sich immer wieder fragen sollte, woher eigentlich die Kanonen kommen und wieso es überhaupt noch Spatzen gibt.

Wenn selbst im verwaisten Mc Pomm 48 Stunden Sicherheit für einen amerikanischen Präsidenten 20 Millionen Euro kosten, wenn eine Religion weltweit ihre Gotteshäuser mit Waffen schützen lassen muß, dann müßte man doch eigentlich nachdenklich werden. Wenn Botschaften brennen, dann muß man davon ausgehen, daß sie niemand hören will.

Kein Mensch hat ein Recht auf irgendein Land. Kein Mensch hat das Recht, Besitzansprüche mit Waffengewalt anzuzeigen. Es sollte das Ziel aller Menschen sein, diesen Planeten und seine Ressourcen miteinander gerecht zu teilen. Jede Form der Spiritualität und Gottesverehrungen aller Art müssen sich von jeder Form von (Ego)ismus lösen und weder territorialen, noch anderweitigen Machtinteressen dienen. Jeder Schöpfungsgedanke basiert auf der Pflicht, den Menschen, ja die Schöpfung an sich, als Verkörperung des Göttlichen zu anzusehen.

Kein Krieg ist heilig!

Freiheit für Palästina!

Meinungen sind im Forum willkommen

 

Thomas Manegold

 

 

"Die israelischen Siedlungen in der West Bank müssen geräumt werden; es muß einen palästinensischen Staat geben; Israel muß die besetzten Gebiete im Gazastreifen und in der West Bank räumen, alle Exekutionen außerhalb seines Territoriums unterlassen und die Angriffe auf Palästinenser stoppen. All dies sollte sofort geschehen."

Anna Lindh (ehem. schwedische Außenministerin, ermordet am 10. 09. 2003, Quelle: www.zeitenschrift.org)

 

 

" Es ist an der Zeit, auf jenem Aspekt des Judaismus aufzubauen, der uns dazu aufruft, liebender zu sein, während wir eindeutig jene Aspekte ablehnen, die dazu auffordern, andere zu erobern, zu beherrschen, sie der eigenen Überlegenheit zu unterstellen oder sie zu erniedrigen. Wir müssen jene Konzepte von Gott aufgeben, welche es denkbar machen, daß Gott ein bestimmtes Volk einem anderen vorziehen würde, oder daß Gott irgend jemandem das Recht geben könnte, alle anderen zu beherrschen oder mit Respektlosigkeit zu behandeln."

(Rabbi Michael Lerner, Quelle: www.zeitenschrift.org)

 

 

"Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat es geredet."

(Buch Micha 4,2-4).

 
   
     
     
     
 
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