SCHEINWERFER: DER SCHIESSBEFEHL

 

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KOLUMNE
08/ 2007
 
 

In den Medien wurde kürzlich die "Entdeckung" eines Dokuments, welches den Schießbefehl an der ehemaligen innerdeutschen Grenze "beweisen" würde, als Sensation gefeiert. Die wenigen Ostgoten, die beim Mauerfall bereits denken konnten und es noch nicht wegen Altersemenz oder schlechtem Gewissen verlernt hatten, mußten darüber herzlich lachen.

Inzwischen hat man auch in den Nachrichten zugeben müssen, daß der Wortlaut des "Schießbefehls" der Grenztruppen und der Staatssicherheit bereits seit 10 Jahren in identischer Form publiziert war. Erinnern wir uns: 1989 wurde die Grenze, die sich nach der Teilung Deutschlands quer durchs Land und quer durch Berlin zog, wieder eingerissen, aus Karl-Marx-Stadt wurde Chemnitz, aus dem Bezirken Erfurt, Gera, Suhl wurde wieder Thürningen, aus Staatsratsvorsitzenden wurden Diktatoren. Und aus "Wir sind das Volk" wurde "Deutschland einig Vaterland". Spätestens dann begann das Massensterben von Funktionären und das große Vergessen. Und die Suche nach Schuldigen. Eines der vielen Sinnbilder des Bösen wurden die Grenzsoldaten, komischerweise noch vor der kasernierten Polizei... doch waren beides keine Söldnereinheiten oder Freiwilligenverbände.

An der innerdeutschen Grenze standen Soldaten, die ihren Grundwehrdienst ableisteten und bei denen keine Fluchtgefahr bestand. Das äußerte sich beispielsweise im Fehlen westlicher Verwandtschaft. Wer also keine Tante im Westen hatte, wurde unter Umständen als vereidigter Soldat an die Grenze gestellt- ob er wollte oder nicht! Und er hatte den Befehl zu schießen. Mir wurde das bereits im Wehrausbildungslager in der neunten Klasse beigebracht: "Halt stehenbleiben, oder ich schieße!" Dann Warnschuß abgeben. Anschließend den Ruf "Halt stehenbleiben, oder ich schieße!" wiederholen und wenn die Person nicht stehenbleibt, von der Schußwaffe gezielt Gebrauch machen..." So wie ich haben das mit Sicherheit viele andere Jugendliche schon in der neunten, zehnten und elften Klasse mitbekommen.

Ich war nie bei irgend einer Armee, aber ich bin, dank der vormilitärischen Ausbildung in der Lage, mit einem AK 47 umzugehen. Ich treffe menschengroße Zielscheiben selbst im Suff auf 50 Meter und weiß, daß ich beim Dauerfeuer links unten ansetzen muß, weil die Waffe nach rechts oben verzieht... Ich stand stramm und sah vor mir eine Witzfigur herumturnen, die uns laut und forsch sagte, daß wir hier nicht zum Spaß da seien, sondern auf den Krieg vorbereitet würden. Das war ich 17. Dieser Mensch durfte den Beruf des Lehrers auch nach der Wende weiter ausüben. Solche und weitere Beispiele haben mir immer wieder vor Augen geführt, daß die Aufarbeitung der "Vergangenheit" reine Willkür ist.

Vom damals exisitierenden Sozialismus ist nichts mehr real. Alles wird trotz Kommissionen und Horden von schlauen Leuten vollkommen verzerrt dargestellt und an konkrete Absichten gekoppelt. Die einen wurden geadelt, die anderen getadelt... Dabei gibt es eigentlich nichts aufzuarbeiten, denn statistisch jeder fünfte DDR Bürger hat für seine eigene Staatssicherheit gearbeitet. Wenn man also alle erschossen hätte, nachdem die Mauer gefallen war, hätte es eine bessere Trefferquote gegeben, als bei den Kriegen in Afghanistan und im Irak, bei dem, so rein prozentual, mehr Unschuldige draufgehen, als bei einer hypothetischen Sippenhaft für alle Ostdeutschen.

Außer vielleicht, daß der real existierende Sozialismus, ein paar Elterngenerationen und ein paar Mitläufer mit einheitsparteilicher Kraft den Kindern der Wendezeit die Zukunft vergeigt haben, ist eigentlich nichts passiert. Gut, die Spreewaldgurken heißen jetzt Spreelinge und wir zahlen nun für Rondo- Kaffee soviel EURO, wie die Krönung damals in Westmark kostete... Sicher, man wurde belogen und betrogen, allerdings genau so, wie sie auch heute noch alle verarscht werden, nun aber wieder im geeinten Kollektiv, daß sich manchmal, wie in alten Zeiten zusammenrottet und aufeinander eindrischt.

An der innerdeutschen Grenze standen Soldaten, die meistens "freiwillig" 3 oder 4 Jahre bei der NVA oder den Grenztruppen dienten. Ich bin einer derjenigen, die diese Freiwilligkeit nicht einsahen und bin deshalb nie zu einem Studium zugelassen worden. Das drehte man so: Wer nach dem Abitur keine drei Jahre zur Armee ging, wurde einfach erst mit Mitte Zwanzig eingezogen: Die Ableistung des Grundwehrdienstes war aber Voraussetzung für den Beginn eines Studiums. Mit diesem Problem im Nacken und dem Umstand, Unteroffizier werden zu müssen, um Journalismus studieren zu dürfen, gab ich auf, mich um einen guten Notendurchschnitt zu bemühen. Ich wurde ein Maurer mit Abitur. Aus dieser Position heraus kann ich jeden verstehen, der damals "freiwillig" länger diente.

Ich kann auch als Ausreiser jeden verstehen, der den Befehl, auf Flüchtlinge zu schießen, nicht verweigerte, denn ich durfte Leute kennenlernen, die verweigerten und dafür eingebuchtet wurden. Das, was der Deutsche heute unter Haft versteht, war 1979 im Osten eher so etwas wie ein FDGB Urlaub an der Ostsee... Politischer Knast in der DDR dagegen war psychische Folter und hat manche Leute in nur drei Jahren gänzlich zerbrochen.

Mit diesem Wissen sind mir die Nachwehen nach der Fehlgeburt, die ja irgendwie 40 Jahre dauerte und den postsowjetischen Spätkonsumenten hervorbrachte, immer sehr suspekt vorgekommen. Jene moralkeulenschwingende Aufarbeitung in Talkshows und Interviews ist einfach widerwärtig. Natürlich hat es einen Schießbefehl gegeben! Seine Existenz war in der DDR Allgemeinwissen. Jeder wußte das, auch jeder, der sich über diese Grenze hinwegsetzen wollte. Minen und Schießanlagen waren auch nicht dafür da, die Osthasen am Wandern zu hindern und sie als Ragout der Volkernährung wieder zuzuführen. Nein. Alle wußten bescheid in Ost und West.

Auch über die Tatsache, daß jeder, der in der DDR eine akademische Ausbildung antreten wollte, mindestens kompromißbereit sein mußte, indem er zumindest Linientreue vorheuchelte, was manchmal vielleicht sogar schlimmer war, als es wirklich zu sein.

Das legitimiert natürlich alles keinen der erfolgten über 1200 Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze. Wer aber maßt sich an, zwischen guten und schlechten Soldaten zu unterscheiden. In genau diesem Moment wird vielleicht in unserem Namen getötet, wenn auch nicht unter Zwang, sondern in der größenwahnsinnigen Ansicht, dabei das Richtige zu tun. Sollte sich aber mal die "Rechtslage" ändern, hat wieder niemand etwas gewußt. Mich kotzt diese Gutmensch-Mentalität an, diese dumme "Arroganz" derer, die keine Ahnung haben. Ich kann bis heute nicht beurteilen, ob ich nicht auch geschossen hätte und ob ich nicht heute ebenfalls, mit vollgeschissenen Hosen, einem 14jährigen bewaffneten afghanischen Kind einfach die Rübe wegschießen würde.

Thomas Manegold

 

 


„Es muss angestrebt werden, dass Grenzdurchbrüche überhaupt nicht zugelassen werden; (...) überall muss ein einwandfreies Schussfeld gewährleistet werden; (...) nach wie vor muss von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen."
Erich Honecker Oktober 1969

 

"1. Verhinderung von Fahnenfluchten
Erkennen von Fahnenfluchtabsichten, um deren Verhinderung mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen zu gewährleisten. Um versuchte Fahnenfluchten während des Grenzdienstes zu verhindern, macht es sich notwendig, daß Sie dies rechtzeitig erkennen und vereiteln. Aus diesem Grund dürfen Sie sich nicht von Ihrer Waffe trennen und die Kontrolle der Funktionstüchtigkeit hat vor Beginn des Grenzdienstes zu erfolgen. Bei Notwendigkeit haben Sie die Schußwaffe konsequent anzuwenden, um den Verräter zu stellen bzw. zu liquidieren. [...]

2. Verhinderung von Grenzdurchbrüchen
Es ist Ihre Pflicht, Ihre Einzelkämpfer- und tschekistischen Fähigkeiten so zu nutzen, daß sie die Liste des Grenzverletzers durchbrechen, ihn stellen bzw. liquidieren, um somit die von ihm geplante Grenzverletzung zu vereiteln. Handeln Sie dabei umsichtig und konsequent, da die Praxis die Gefährlichkeit und Hinterhältigkeit der Verräter mehrfach beweist.
Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schußwaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben.[...]“

Dienstanweisung von 1973

 
   
     
     
     
 
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